Steinerne Tränen

Potsdam, Glass, The Fall of the House of Usher

Pling! Klack! Schon während der ersten Dreiklangsschleifen der kleinen Horrorkammer-Oper weint der Schnürboden des winzigen Potsdamer Schlosstheaters versteinerte Tränen. Die Bühne ist leer und schwarz, gerade der rechte Resonanzkasten für Philip Glass’ ohrenfälligen Spuk nach einer Story des Gruselklassikers Edgar Allan Poe. Bleich geschminkte Gesichter schweben im Dunkel, körperlos, maskenhaft, wie Schatten aus der Unterwelt.

Vier Neonstäbe geistern durchs Geschehen, von Pantomimen des Achim Freyer Ensembles in Slow Motion geführt – kalt flammende Unheilszeichen, die mal gefrorene Bilder rahmen oder, zum Kreuz arrangiert, den moribunden Sog markieren, der die Geschichte vom «Fall of the House of Usher» von der ersten bis zur letzten Zeile durchdringt.
Natürlich spielt die stürmische Schreckensnacht, in der für Roderick und seine (von ihm in inzestuöser Zuneigung) verehrte Schwester Madeline das letzte Stündlein geschlagen hat, nur auf den ersten Blick in düsterer Waldeinsamkeit. Der eigentliche Schauplatz dieser Fantasia ist der Kopf. Was Rodericks Jugendfreund William minutiös beschreibt, sind die Umrisse einer Seelenlandschaft, die keine Sonne kennt. Wir schauen in Abgründe, die ...

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Opernwelt Januar 2010
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Albrecht Thiemann

Vergriffen