O Wort, das mir fehlt!

Lorenzo Fioroni inszeniert Schönbergs «Moses und Aron» in Bonn als extrem verstörendes Endspiel, mit Dietrich Henschel und Martin Koch als herausragenden Protagonisten

Opernwelt

Als am Ende der Bonner Aufführung von Arnold Schönbergs biblischer Oper «Moses und Aron» die letzten Streichertöne verklingen, das Licht auf der Szene erlischt, der Vorhang sich schließt und, bevor der erlösende Beifall losbricht, mehrere Sekunden lang beklommenes Schweigen herrscht, gibt es wohl kaum einen Zuschauer, dem nicht die Verzweiflung des in sich zusammensinkenden Moses auf der Zunge liegt: «O Wort, du Wort, das mir fehlt!» Es ist ein Moment radikaler Verstörung, aber auch ein Augenblick befreiender Beglückung über einen Theaterabend, wie man ihn nur selten erlebt.

Regisseur Lorenzo Fioroni versucht erst gar nicht, das verwirrende, aus Moral, Politik und Ästhetik gewirkte Knäuel dieses religiösen Bekenntniswerks um das Schicksal und Überleben des Volkes Israel aufzudröseln. Im Gegenteil, er enthält sich jeder Aktualisierung, wie sie nach dem Überfall der Hamas nahegelegen hätte, und vertraut mit dem Mut des Künstlers, aber auch mit dem Übermut eines Kindes einzig der visuellen Kraft des Theaters – eines Spiels, das nichts bebildert und in dem doch alles zum vielstimmigen Bild wird. Wenn sich der Vorhang öffnet, gibt er den Blick auf ein Kindermärchen frei. Grobe, bewusst naive, an die barocke Kulissenbühne erinnernde Prospekte deuten ein Felsmassiv an, in das sich zuhauf Pappschäfchen drängeln. Im Zentrum steht eine Puppenbühne. In Kleists Aufsatz «Über das Marionettentheater» lesen wir, dass der Gliedermann und der Gott eins sind. Moses’ Berufung durch die Stimme aus dem brennenden Dornbusch und sein erster Disput mit seinem Bruder Aron ereignen sich als Puppenspiel. Realität, gar Psychologie ist nicht angesagt, stattdessen drastische Hieratik, die bei aller Strenge dennoch immer spielerisch leicht wirkt – Moses als Schafhirte, Aron als gehörnter Teufel (später werden sie sich, wie die zwei Seelen in einer Brust, äußerlich nicht mehr unterscheiden). Reflexion über das «unerbittliche Denkgesetz», so Fioroni mit Kleist, ist nur im Stand der Unschuld möglich, die durch Moses’ jeckenhaftes Hütchen und Arons roten Judenhut einen Zug ins Abgründige erhält. Dass Schönberg den sturen Dogmatiker Moses durchgehend im stilisierten Sprechgesang agieren, den geschmeidigen Pragmatiker Aron hingegen als belcantesken Tenor singen lässt, erscheint in Fioronis szenischer Setzung wie selbstverständlich. Mit dem Auftritt des Volks, dem Aron als Mund, als Sprachrohr des sprachlosen Moses die Botschaft Gottes verkündet, wechselt die Szene. Fioroni zeigt den Chor als kompakte, bedrohliche Masse in schweren, durchweg festlich schwarzen Kostümen der Gründerzeit: die Männer im Gehrock mit Zylinder wie gepanzert wirkend, die Frauen in aufgeplusterten Tournüre-Kleidern – später, wenn sie gegen Moses rebellieren, treten alle in weißer Unterwäsche auf. Fioroni nimmt dabei die Aporie von Schönbergs zentraler Werkidee, die Immanenz des Göttlichen in der sinnlichsten Kunstform – der Oper – zu materialisieren, ganz wörtlich und rahmt den Auftritt wie ein Gemälde. Überdies verdoppelt, ja verfremdet er die Menge durch gleichzeitig in sie hinein kopierte Videoaufnahmen ihrer selbst und imaginiert die Wunder, mit denen Aron das Volk betört – die Schlange, den Aussatz und das Blut – in sinnlichster Verführungskraft. Der eigentliche Schock kommt in der berühmtesten Szene des Werks, dem Tanz um das Goldene Kalb, während der abwesende Moses auf dem Berg der Offenbarung weilt – einer Orgie, die mit ihrer erotischen Verausgabung und den blasphemischen Opferritualen direkt der Grand Opéra des 19. Jahrhunderts entstammen könnte. Fioroni kontert das Geschehen, stellt es nachgerade auf den Kopf. Während wir die Musik nur hören, sehen wir Moses auf der zur kahlen Zelle geschrumpften Bühne im Kampf mit sich selbst. Der Raum ist von Holzlatten, Farbtöpfen und allerlei Gerümpel erfüllt, das ständig von oben hereinfällt. Licht gibt eine einzige Glühbirne – die Funzel Gottes, die wir schon aus dem Puppenspiel kennen. Moses ringt, in einer Art Selbstbefreiung des Subjekts, um die zehn Gebote – hämmert, nagelt, beschmiert sich mit Farbe, bis er, schließlich vollkommen nackt, sie sich selbst auf den Leib schreibt. Die Gewalt der Musik gilt gleichzeitig dem unsichtbaren, die Blutopfer feiernden Volk und dem in übermenschlicher Ekstase wahnhaften Moses. Fioroni greift hier Anregungen der Wiener Aktionskunst wie des aktuellen Body-Painting auf und treibt sie in der schauerlich-lustvollen Exekution durch Dietrich Henschel bis zum exhibitionistischen Exzess, der einem Herz und Atem zuschnürt. Am Ende steht die völlige Ernüchterung von Moses, der über die blutbefleckten Dummies der bei der Orgie ums Leben gekommenen Toten stolpert und sich nach einem letzten Dialog mit Aron ersticht, während im Hintergrund das Volk der trügerischen Feuer- und Wolkensäule folgt.

Wie schon Schönberg bietet auch Fioroni keine Lösung an, sondern reicht die uneinlösbare Ambivalenz der Handlung an die Zuschauer weiter. Seine vielschichtigen Bilder faszinieren durch eine Spannweite, die vom Puppenspiel über das Künstlerdrama bis zu einem Theater der Grausamkeit reicht, in dem noch der Schrecken seine beklemmende Schönheit enthüllt. Großartig die beiden Protagonisten – Dietrich Henschel ein bis zur Selbstzerstörung fanatischer Moses, der die Deklamatorik der Partie fast musikalisch spricht; Martin Koch als spielerisch wie sängerisch gleichermaßen wendiger Aron. Schlicht überwältigend der durch das Vocalconsort Berlin auf fast 100 Stimmen verstärkte Bonner Opernchor (die dritte monumentale Hauptpartie dieser Oper), der vom skandierten Sprechton bis zum machtvollen Schrei Schönbergs exorbitanten Anforderungen mit höchster Präzision gerecht wird. Das Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Dirk Kaftan glänzte in allen Instrumentengruppen mit einer spielerischen Brillanz, die zwischen Konstruktion und Expressivität immer den Ausgleich findet und vergessen lässt, dass dieser Musik einmal das Verdikt der ausmathematisierten Spröde vorauseilte. Großer Beifall des erschütternd schlecht besetzten Auditoriums.

Schönberg: Moses und Aron BONN | THEATER 
Premiere: 10., besuchte Vorstellung: 17. Dezember 2023
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Paul Zoller
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Licht: Boris Kahnert
Video: Christian Weißenberger
Chor: Marco Medved
Solisten: Dietrich Henschel (Moses), Martin Koch (Aron), Tina Josephine Jäger (Ein junges Mädchen/Erste nackte Jungfrau), Susanne Blattert (Eine Kranke/Vierte nackte Jungfrau), Tae Hwan Yun (Ein junger Mann/Der nackte Jüngling/Jüngling), Mark Morouse (Ein anderer Mann/Ephraimit), Martin Tzonev (Ein Priester), Ava Gesell (Zweite nackte Jungfrau), Alicia Grünwald (Dritte nackte Jungfrau) u. a. 
www.theater-bonn.de


Opernwelt Februar 2024
Rubrik: Im Fokus, Seite 4
von Uwe Schweikert

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