Nachtzug ins Schattenreich

Andrea Breth verknüpft bei den Wiener Festwochen Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» und Schumanns «Geistervariationen» zu einem intensiven, merkwürdigen Abend

Über eine längere Weile hin verdämmert das Licht, und irgendwo im Off, in den Katakomben der Träume, spielt Elisabeth Leonskaja Schumanns «Geistervariationen» von 1854. Unter diesem Namen sind sie bekannt geworden, weil eine Engelserscheinung (oder aber jene Schuberts) das Thema vorgegeben haben soll.

Es passiert im Theater an der Wien, gegen Ende des letzten Musiktheaterabends der diesjährigen Wiener Festwochen, einer merkwürdigen Allianz von Béla Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» und dem Schumann’schen Schwanengesang – sind die Es-Dur-Variationen doch der letzte Hilfeschrei des Komponisten vor seinem Abtauchen in ein Paralleluniversum. Er war der Welt abhanden gekommen, fremd war sie ihm geworden, trügerisch. In Pascal Merciers «Nachtzug nach Lissabon» schreibt Amadeu de Prado, der Goldschmied der Worte, den wunderbaren Satz: «Und so sind wir uns doppelt fremd, denn zwischen uns steht nicht nur die trügerische Außenwelt, sondern das Trugbild, das von ihr in jeder Innenwelt entsteht ...». Schumann ist an dieser Fremdheit wohl zerbrochen.

Der Mann, der vorher Blaubart war, scheitert in Wien ebenfalls. Kurz und ziellos erscheint er im zweiten Teil dieses Abends, Zeilen aus Béla ...

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Opernwelt August 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Gerhard Persché

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