Hierarchien der Brutalität

Mussorgsky: Chowanschtschina Wien / Staatsoper

Mussorgskys mächtige, dissonante Glockenakkorde setzen die Interpunktion in einem Drama, dessen tragischer Held ein Kollektiv ist. Das Volk. Weil das Volksdrama, wie es Mussorgsky vorschwebte, sich nicht nur in der russischen Geschichte wiederholt, hat sich Regisseur Lev Dodin gegen eine platte Aktualisierung entschieden. Stattdessen ließ er sich, um Hierarchien abzubilden, von Alexander Borovskiy ein Gerüst in mehreren Schichten entwerfen: Das Volk und die Palastwache der Strelitzen stehen ganz unten, die Macht ist oben. Man fühlt sich an den Kreml-Balkon erinnert.

Zugleich herrscht eine mörderische Enge wie in den Viehwaggons der Sonderzüge nach Treblinka und Auschwitz. Auftritte und Abgänge sind hier wörtlich zu nehmen: Sie geschehen vertikal mit der Hebebühne.

Iwan Chowanski, der am Ende ermordete Führer der Strelitzen (Ferruccio Furlanetto hört man seine vierzig Jahre auf der Bühne an, er ist aber noch immer beeindruckend bei Stimme) muss zum Aufsteiger Golizyn aufschauen (Herbert Lippert mit harmlos-wohlklingendem Tenor), beide blicken hochmütig auf den fundamentalistischen Massenverführer Dossifei in der untersten Etage hinab (Ain Anger als charismatischer, aber wenig ...

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Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Dietmar Polaczek