Goldkäfig der Macht

Mussorgsky: Boris Godunow Darmstadt / Staatstheater

Zufall oder nicht: Die allermeisten der von mir erlebten «Boris»-Neuinszenierungen der letzten Jahrzehnte stützten sich auf den sogenannten Ur-Boris von 1869 – ohne Polen-Akt und Kromy-Bild, nach des Komponisten späterer Absicht das Finale eines «Volksdramas» mit einem kollektiven Subjekt als Hauptprotagonisten. Mit dieser Version spekulieren die Theater auf ein vermeintlich besonderes Authentizitätsprestige des Etiketts «Ur», machen sich ihre Bemühung aber auch handlich; mit gut zwei Stunden Spieldauer kann eventuell sogar auf die Pause verzichtet werden.

So interessant der frühe Boris ist: Ihn als den ganzen zu verkaufen, wäre verfehlt. Mussorgsky schuf ein work in progress, dessen Intentionen sich «unter der Hand» vergrößerten. Der nun in Darmstadt (als Koproduktion mit Wiesbaden) präsentierte «Boris Godunow» macht es sich nicht so billig. Wir begegnen dem grandios-anarchischen Bild des Kromy-Volksaufstands, das im Verbund mit der Szene vor der Wassilij-Kathedrale dramaturgisch freilich immer ein wenig ungut tangiert erscheint. Vor allem stört die Einbuße des keineswegs entbehrlichen Polen-Akts. Er gerade ist es, der das «Panoramatische» des russischen Nationaloperntypus ...

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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Hans-Klaus Jungheinrich