Flucht in den Dschungel

Die Münchener Biennale verliert den Blick für Kernfragen nach dem Musiktheater der Zukunft: Anmerkungen zum «Amazonas»-Projekt und zu neuen Werken von Márton Illés, Lin Wang und Philipp Maintz

Ein paar Minuten sitzt man im Dunkel, noch halb betäubt vom ersten Teil, da fallen Gazebahnen von der Decke. Schwarze Leinwände, auf denen es flimmert. Sonnenstrahlen funkeln durchs Dickicht, Bäume und Blätter sind als Projektion zu ahnen. Und dann diese Geräuschkulisse: kein fernes Affengekreisch, kein Zischeln und Rauschen aus dem Klischee-Kino, sondern ein Kaleidoskop aus Tonhäppchen, Glocken, Schlagwerk-Episoden. Ferne Blaskapellenklänge wehen herein, zwei Vokalakrobaten hecheln und stöhnen sich die Seelen aus dem Leib.

Tremolierende Sänger ziehen Kisten vorbei, und wie von einem freundlichen Herrn in der Pause aufgefordert, irrt man durch den Kunst-Urwald. Eher schulterzuckend als gebannt: eine Begegnung mit dem Fremden? Mit der vielstimmigen, angeblich so beunruhigenden Natur?

«Amazonas» war das Prestige-Projekt der diesjährigen Münchener Biennale, die unter dem Motto «Der Blick des Anderen» für neue Perspektiven warb. Eine  Mega-Uraufführung. Erklärte Krönung und Konzentration aller Anstrengungen. Mit vielen Kraftakten und noch mehr lobenswerten Vorsätzen entstand der 210-minütige Dreiteiler in der Reithalle am Rande des Stadtzentrums. Er widmete sich dem ausgebeuteten Urwald ...

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Opernwelt Juli 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Markus Thiel

Vergriffen