Mittelklasse

Vivaldis fragmentarisch überlieferter «Ercole» auf DVD, Paisiellos ­Huldigungsmusik «La Daunia felice» auf CD

«It contains nudity», warnt das Cover auf der DVD-Ersteinspielung der fragmentarisch überlieferten Vivaldi-Oper «Ercole su’l Termo­donte». Tatsächlich ließ der amerikanische Bühnenbildner/Regisseur John Pascoe den attraktiven, wenn auch keineswegs herku­lischen Titelhelden der Ausgrabung beim Spoleto-Festival (siehe OW 9-10/2006) antik auftreten: nackt mit Löwenfell. Nur die Keule fehlte.

Und auch sonst ließ man fünf (trotz barfüßiger Krieger, die vor schwarzem Zwischenvorhang immer wieder wie griechische Vasenbilder arrangiert sind) gerade sein: Theseus hebt wie im Krimi die Hände hoch, als Hippolyta mit dem Schwert droht; Telamon trägt Ohrring; die langbeinigen Amazonen sind bis zur Taille gestiefelt und haben entgegen mythologischer Überlieferung zwei Brüste. Geschenkt. Aber leider ist die «Inszenierung» nicht nur pseudoantik, sondern auch Pseudo-Theater: Herkules ist zwar entsetzt, als er im Amazonenstaat sämtliche Phallos-Heiligtümer in Trümmern findet. Doch Leben, gar den Krieg der Geschlechter zwischen Amazonen und Griechen holt Pascoe aus dieser Bühnenbild-­Behauptung nicht heraus. Prädikat: hilflos.
Und die Musik? Sie scheint mir nicht zum inspiriertesten Vivaldi zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: CDs, Seite 52
von Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Worte des Bösen

«Ich bin Samiel, ihr habet Teil an mir. Ich bin durch euch und komm’ durch euch zur Tat. Ihr könnt mich sehen. Doch ihr wollt blind nur sein.» Regisseur Wolfgang Lachnitt und sein Dramaturg Bernhard Lenort haben dem Bösen neue Worte in den Mund gelegt. Damit wollen sie sich nicht interpretatorisch auf­plustern, nein, die Texte sind einzig dazu gedacht, die krude...

Logenplatz für die Kleinen

Blättert man die aktuellen Monatsblätter deutschsprachiger Bühnen durch, drängt sich der Eindruck auf, dass die Kleinen inzwischen die Größten sind. Kein Haus, das es sich noch leisten könnte, den minderjährigen Nachwuchs bei der Programmgestaltung zu übergehen. Und die ­Angebotspalette ist so farbig wie bei den «Alten» – sie reicht von Bearbeitungen bekannter...

Eros und Gewalt

m Schluss der neunzigminütigen Aufführung stolperte Hans Neuenfels wie ein großes Kind auf die Bühne des Basler Theaters: als wollte und könnte er die Begeisterung des Publikums nicht recht begreifen. Das Ritual, das sonst aller­orten die Premieren beherrscht – Beifall für die Solis­ten und den Dirigenten, Buhs für das Regieteam – war an diesem Abend außer Kraft...