Mit List und Lust durchs Märchenland

Ein Regime mit Grenzern und Spitzeln, Republikflucht und Zensur auf offener Bühne zu stürzen – das scheint schwer vorstellbar im Musiktheater der DDR unter Honecker und Mielke. Doch genau das geschieht in der Kinderoper «Das Land Bum-Bum» von Georg Katzer und Rainer Kirsch, 1978 uraufgeführt an der Komischen Oper Berlin. In der Inszenierung von Joachim Herz wird Systemkritik gedacht und geleugnet, entworfen und entzogen, verdreht und verschoben: ein Zickzack-Kurs an der Grenze zur Schizophrenie mit zensurpassablem Ergebnis. Die Entstehung lässt sich schrittweise nachvollziehen anhand umfangreicher Arbeitsmappen aus dem Nachlass des Bühnenbildners Reinhart Zimmermann im Archiv der Künste, erstmals gesichtet und ausgewertet für «Opernwelt».

Am 30. September 1978 brachte die Komische Oper Ostberlin die Kinderoper «Das Land Bum-Bum» von Rainer Kirsch (Libretto) und Georg Katzer (Musik) zur Uraufführung. Es geht darin um den «Lustigen Musikanten» Karl, der auf der Jagd nach seinem entflogenen Hut in das Land Bum-Bum gelangt, wo die Bewohner mit den Ohren essen, aber keine lustigen Lieder singen und das Wort «Lüge» nicht kennen dürfen. Karl singt dem Mädchen Zwölfklang ein lustiges Lied vor und entlarvt damit die offizielle Begründung, lustige Lieder schadeten der Gesundheit, als Lüge.

Sofort taucht die allgegenwärtige Horchpolizei auf und wirft Karl in den Kerker. Dort zeigt sich, dass sich unter dem Land Bum-Bum ein riesiges Tunnelsystem erstreckt, das nicht nur als Verlies, sondern auch als gigantische Abhöranlage dient. Hier arbeitet der Spion, der sich in einem Liedchen vorstellt: «In den feucht- und finstern Mauern / Muss ich horchen, muss ich lauern / Spionieren, denunzieren – / Doch wie herrlich ist der Lohn / Für den eifrigen Spion.» Karl kann ihn durch eine Lüge überlisten, dann durch Menschlichkeit für sich gewinnen (er rettet ihm das Leben). Mit Zwölfklangs Hilfe fliehen sie durch die unterirdischen Gänge in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Musiktheater in der DDR, Seite 72
von Boris Kehrmann

Weitere Beiträge
«Es muss alles von innen kommen»

Allzu viele Brünnhilden werden wohl nicht mehr kommen.» Das sagt sie so einfach, ganz trocken, begleitet von einem herben Lachen.

Vor einem Jahr hat sie erstmals in San Francisco Wagners Marathonstrecke absolviert. Dann wurde sie in diesem Festspielsommer als Lichtgestalt der Münchner «Götterdämmerung» gefeiert – und nun schon das Ende? Aber es ist ja nicht Frust,...

Doppelbödiger Belcanto

Am Ende löst sich alles in jubelnde Freude auf: «Ach, keiner kann erahnen, / wie glücklich ich bin», singt Amina auf eine hinreißend schwungvolle Melodie zu pulsierender Orchesterbegleitung, die anderen stimmen ein – Aminas Ziehmutter Teresa, ihr Verlobter Elvino, der Conte Rodolfo und der Bauer Alessio sowie der Chor der Landleute. Das Finale von Vincenzo Bellinis...

Bildnis des Künstlers als jünger werdender Mann

Unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, sind an sich unbewusst…Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt haben, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewusst werden.»

Dieses Sigmund-Freud-Zitat, Michael...