Mit Hochdruck

Essen, Schostakowitsch: Die Nase

Schon etliche Jahre vor der vom Stalin-Regime verfemten «Katarina Ismailowa» tobte sich Schostakowitsch in «Die Nase» kompositorisch heftig aus. Die absurde, lange vor Kafka von Nikolaj Gogol erdachte Situation eines Nasen(=Identitäts)verlustes kam dem vibrierenden Naturell des Komponisten entgegen, die hysterisch hochschäumenden Vorgänge der Novelle entfesselten seine Inspiration.

Schostakowitschs rabiates Klang­emp­finden traf auf einen ihm gemäßen Stoff, die pointierte, scharfkantige, satirische Musik führt beim Hörer vielleicht nicht immer zu einer Liebe auf den ersten Ton, aber die Fülle der Ideen und Anspielungen fasziniert.
In der Nase ein phallisches Symbol zu sehen, mag auf der Hand liegen, doch wäre das eine letztlich marginale Farbe. Tiefer lotet – und da würde auch eine musika­lische Beweisführung ansetzen – der Blick auf das Verhältnis von Volk und Herrscherkaste. Thema in Gogols Novelle ist die Angst, in einer staatlicherseits geregelten Existenz der lebenssichernden «Normalität» verlustig zu gehen. So lässt sich verstehen, dass Schostakowitschs 1930 szenisch uraufgeführte Satire selbst nach Stalins Tod noch viele Jahre bis zu ihrer Rehabilitierung warten musste, zu ...

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Opernwelt August 2006
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Matthias Norquet

Vergriffen
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