Mit den Ohren sehen

Hörstücke von Thomas Daniel Schlee, Salvatore Sciarrino, José-María Sánchez-Verdú und Wolfgang Mitterer

Aus tiefster Not schreit diese Stimme. Zweifelnd, zornig, zagend. Halt findet sie an einem einzigen Ton. Allein, am Boden. In schutzlosem Trotz ruft sie den Himmel um Hilfe an, doch Gott schweigt und seine Heerscharen bleiben stumm. Keine Posaunen, kein Laut von oben. Nur diese eine Stimme ist zu hören und dieser eine Ton. Dann zischeln Flöten, atmen schwer. Eine Cellosaite wird scharf angerissen, bebt wie die unerhörten Klagen der verstoßenen Kreatur. Noch stockt der Dialog zwischen Instrument und singendem Ich, aber bald entsteht ein Zwiegespräch von beklemmender Intensität.

Als das Dunkel undurchdringlich, endgültig scheint, leuchtet eine Trompete in die Worte des hadernden Tenors, stützt dessen fassungslose Rede mit zartem Hauch, später, ungedämpft, mit kraftvollen Fanfaren. Dazwischen immer wieder Stille, lange Pausen – und die Atemgeräusche der Flöten. Schließlich antwortet der Allmächtige doch, schickt einen Sopran-Engel, der von der Schöpfung erzählt und ihrem Ziel, dem Ende der Nacht. Da hört man zum ersten Mal alle Stimmen, die Thomas Daniel Schlee für seine 2007 uraufgeführte Kirchenoper «Ich, Hiob» gesetzt hat – Hiob, den Engel und die fünf Musiker. Von fern klingt ...

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Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Medien / CDs, Seite 33
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
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