Mentales Nichts

Der von der Berliner Staatsoper und Mailänder Scala koproduzierte «Siegfried» ist schon jetzt die szenische Nullnummer der Saison

Soll es ein Wald sein, dichtes Geäst, durchsetzt von Lichtpunkten? Oder doch eine Metropole aus der Vogelperspektive? Oder einfach ein Haufen Geröll? Schimmert plötzlich ein bleiches Riesengesicht hervor? Schwer zu sagen, schwer zu sehen, was da im ersten Akt hinter Mimes metallener Baukastenwerkstatt flimmert. Denken kann man sich viel, es bringt aber wenig. Denn mit Deutung haben die Videos nichts zu tun. Wie ja dieser ganze «Ring» sich zu keiner Deutung aufraffen kann.

Er bleibt beim «Siegfried», was er schon beim «Rheingold» war: ein mentales Nichts, dessen szenischer Leerlauf durch ständig im Fluss gehaltene Pixelbilder bloß verstärkt wird. Nettes 3-D-Design, auf das eine ambitionierte Hotel-Lounge stolz sein könnte. Manchmal ähnelt es aber auch nur einem Bildschirmschoner.

Mit Wagners finsterer Weltuntergangsparabel und ihrem Anspruch hat es jedenfalls nichts zu tun. Mit einem intermedialen Ansatz auch nicht. In ein paar Jahren wird man bloß noch lächeln über diese Art, die Bühne mit digitalen Mustern zu dekorieren. Was da in maßloser Selbstüberschätzung als «‹Ring› des 21. Jahrhunderts» angepriesen wird, ist schon jetzt die szenische Nullnummer des bevorstehenden ...

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Opernwelt November 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Stephan Mösch

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