Maskierte Zweifel

Rossini war ein Gehetzter: ein Komponist, der ­unter Erfolgsdruck stand. Er musste sich immer gleichen und doch mit jedem Stück selbst übertreffen. Das hält niemand lange aus. Nach den geradezu explosionsartig hervorgebrachten, meist rasend erfolgreichen frühen Meisterwerken, die seit 1810 entstanden waren, suchte Rossini neue Ziele. Beethoven, den er in Wien besuchte, riet ihm, nichts anderes als komische Opern zu schreiben. Doch damit wollte und konnte sich Rossini nicht zufrieden geben. Er wollte dem Anspruch der Avant­garde standhalten. Er riskierte den ­langen Weg zum «Guillaume Tell».Norbert Miller, einer der besten Rossini-Kenner unserer Tage, beschreibt im folgenden Essay, wie sich Rossini forderte und fordern ließ. Er spürt die Sprachskepsis des Komponisten nicht nur in den späten Klavierstücken, sondern schon in frühen Opern auf. Ein beredter Versuch über Rossinis ­rätselhaftes Verstummen.

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Im Herbst 1822 besuchte Gioacchino Rossini, der eben an der Wiener Oper einen nicht da gewesenen Triumph gefeiert hatte, den von ihm seit Langem bewunderten Beethoven. Bei diesem einzigen Treffen der beiden einflussreichsten Komponisten ihrer Zeit gab Beethoven dem italienischen Maestro den später oft ihm nachgesprochenen Rat: «Ihr seid der Autor des ‹Barbier von Sevilla›! Ich beglückwünsche Euch, das ist eine ganz ausgezeichnete Oper, die ich mit großem Vergnügen studiert habe [...

] Versucht aber nie, etwas anderes als komische Opern zu schreiben: Den Erfolg in ­einem anderen Genre suchen, hieße, Eurer Natur Gewalt antun.»
Rossini selbst hat 1860 die Begegnung in seinem Gespräch mit Richard Wagner aus später, aber lebhafter Erinnerung geschildert. Er ­erzählt von ihr ohne Ironie, ohne Ressentiment, obwohl das zweifelhafte Kompliment ihn damals irritiert haben musste. Schließlich war er seit zehn Jahren in der europäischen Opernwelt vor allem als der Komponist großer, tragischer Werke gefeiert, als der Autor des «Tancredi», der «Elisabetta, Regina d’Inghilterra», des «Otello», «Mosè in Egitto» und der «Donna del lago». Auch die «Zelmira», mit der sich Rossini am 16. Februar 1822 im ...

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Opernwelt Jahrbuch 2007
Rubrik: Rossini, Seite 84
von Norbert Miller

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