«Man singt mit den Ohren»

Ihre Aufnahmen schrieben Interpretationsgeschichte. Vielleicht war Elisabeth Schwarzkopf die erste Sängerin, die die Schallplatte nicht bloß als dokumentarisches Medium nutzte, sondern als Terrain sui ­generis. Im Dezember 2005 wird die Künstlerin neunzig Jahre alt. Thomas Voigt hat sie in Vorarlberg ­besucht und ihre alten Platten neu gehört.

Her Master’s Voice» – das ist kein Wortspiel eines boshaften Journalisten, sondern ihre höchst eigene Erfindung. Eli­sa­beth Schwarzkopf hat sich selbst so bezeichnet, und sie hat nie verschwiegen, wie sehr sie ihre künstlerische Entwicklung auch ihrem Ehemann Walter Legge verdankt, dem legendären Plattenproduzenten von His Master’s Voice, Columbia und EMI.
Und wie das Buch «Elisabeth Schwarzkopf. A Career on Record» zeigt, ist wohl niemand mit ihren Aufnahmen so hart ins Gericht gegangen wie sie selbst.

«Glauben Sie ja nicht, dass ich alles wunderbar von mir finde», meint sie, als wir über diverse Einspielungen sprechen, «da gibt es auch Dinge zu hören, die ich meinen Schülern nicht durchgehen lassen würde.»
Zum Beispiel das eingeschobene «h» («Bei Mä-hännern we-helche Li-hiebe fühlen»): «Das war für uns das rote Tuch, und trotzdem bin auch ich in diese Abgründe gefallen. Denn im Gegensatz zu anderen Dingen wird das wirk­liche Legato-Singen niemals zur Selbstverständlichkeit. Man muss es sich immer wieder bewusst machen, muss es immer wieder wollen.»
Sie kann sich furchtbar ärgern, wenn sie mal eine Schwebung zu tief war – und sich wie ein Kind freuen, wenn sie etwas von sich hört, ...

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Opernwelt Dezember 2005
Rubrik: Porträt, Seite 48
von Thomas Voigt

Vergriffen
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