Mal ehrlich Februar 2018
Mehr als 100-mal habe ich in Brittens «Midsummer Night’s Dream» auf der Bühne gestanden! Wenn nicht 200-mal – mir fehlt längst der Überblick. So oft jedenfalls, dass meine Bücher nach einer Figur aus dem «Sommernachtstraum» benannt sind («Who’s my Bottom?» und «Scraping the Bottom»). Es gibt Menschen, die mich deshalb für einen Fachmann halten. Und doch habe ich, schnallen Sie sich an, einige Szenen erst vor zwei Jahren live gesehen – und das auch nur, weil ich selbst im Regiestuhl saß.
Zettels Traum? Für mich war das immer: Warten auf den nächsten Auftritt, Teetrinken in der Kantine. Nie hab ich mir das Stück als ganz normaler Zuschauer angeschaut.
Mal ehrlich, wie soll Brünnhilde Einblick in die ersten beiden «Siegfried»-Akte kriegen? Welcher Don Giovanni wird je Augenzeuge des Duetts zwischen Donna Anna und Don Ottavio? Der Weiberheld muss in die Garderobe, sich umziehen, nachschminken! Noch stärker außen vor bleiben Choristen. Neulich erzählte mir ein Kumpel, er wisse bei jeder zweiten Oper kaum, wie die Geschichte ausgehe, in der er da jeden Tag auftrete. Oft ist der Chor vor dem Finale fertig oder liefert die letzten Töne aus dem Off – idealerweise in Straßenkleidung, um ...
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Opernwelt Februar 2018
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 69
von Christopher Gillett
Es war ein Amerikaner, der die tragédies lyriques des Sonnenkönigteams Jean-Baptiste Lully und Philippe Quinault vor drei Jahrzehnten wieder auf die Tagesordnung setzte. Erst die von William Christie zum 300. Todestag Lullys betriebene Wiederentdeckung des «Atys» (1676) gab den Anstoß, auch seine anderen für Versailles verfassten Bühnenwerke vom Archivstaub zu...
Voltaire nannte ihn seinerzeit den «Helden des Jahrhunderts», und etwa gleichzeitig befand der britische Musikhistoriker Charles Burney, dass der 1699 in Bergedorf bei Hamburg geborene Johann Adolph Hasse, in Italien liebe- und verehrungsvoll il caro Sassone genannt, «von allen jetzt lebenden Komponisten der natürlichste, eleganteste und einsichtsvollste» sei. In...
Im Jahr 1919 wurde der polnische Staat von den Siegermächten wiederhergestellt und mit einem Korridor zur Ostsee versehen. Als fünf Jahre darauf Feliks Nowowiejskis «Legenda Bałtyku» (Baltische Legende) in der nun wieder Poznań genannten Stadt über die Bühne ging, feierten nationalkonservative Kreise das Stück, in dem das versunkene Vineta beschworen wird, als...
