Männerbilder, Frauenbilder

Bergs Femme fatale, umgedeutet und verschlankt: «American Lulu» von Olga Neuwirth an der Komischen Oper Berlin

Das muss man sich erst mal trauen. Alban Bergs «Lulu»-Torso mit dem Meißel zu bearbeiten. Diese Opernikone des 20. Jahrhunderts. Dieses unvollendete Monument vollendeter Zwölfton-Fantasie. Dieses Denkmal konstruktiver Logik, historisch reflektierter Formgebung und Orchestrierungskunst.

Dass jemand Hand an die 1937 in Zürich als zweiaktiges Fragment uraufgeführte «Lulu» anlegt, ist natürlich nicht neu.

Friedrich Cerha hatte sich bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren den dritten Akt vorgenommen und auf Basis der von Berg hinterlassenen Skizzen instrumentiert (nur 390 der 1326 Takte des Particells lagen fertig vor); Pierre Boulez und Patrice Chéreau brachten die komplettierte Fassung 1979 in Paris heraus. Seit die Rechte frei wurden (2007), ist auch der Weg für neue Bearbeitungen frei. Eine geraffte und instrumental ausgedünnte Version des dritten Akts von Eberhard Kloke wurde 2010 in Kopenhagen vorgestellt (siehe OW 12/2010). Im März dieses Jahres überraschten Daniel Barenboim und Andrea Breth mit einer gekürzten «Berliner Fassung», die der britische Berg-Spezialist David Robert Coleman erarbeitet hatte – ohne Prolog, ohne das Paris-Bild, mit Multikulti-Flair (Harmonium, ...

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Opernwelt November 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann

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