Ganze Arbeit

Diana Damrau und Kirill Petrenko nehmen es genau mit Donizettis «Lucia di Lammermoor» an der Bayerischen Staatsoper. Die CD-Aufnahme der Sopranistin kann dagegen nicht bestehen

Zunächst einmal: Diese «Lucia» ist so vollständig wie möglich. Kirill Petrenko lässt sich von keiner sogenannten Tradition irritieren, die mit dem Notentext so leichtfertig umspringt, als hätte Donizetti dramaturgische Nachhilfe nötig. Striche gibt es also nicht. Das Stück wird dadurch klarer und wirkt – trotz der längeren Spieldauer – kürzer als bei vielen Repertoire-Bemühungen. Das heißt zum Beispiel, dass Enricos Auftritt während der Wahnsinnsszene von Lucia stattfinden kann. Dieser Auftritt macht die Situation erst vollständig: Der Bruder begreift, was er angerichtet hat.

Lucia, die Schwester, leidet nicht nur unter seiner skrupellosen Machtpolitik, sie ist auch nicht einfach traumatisiert, sondern sie zerbricht vor aller Augen und Ohren. Wahnsinn ist dafür nur ein Wort, eine Chiffre. Der musikalische Sprung vom rezitativisch durchfurchten Cantabile-Abschnitt direkt aufs langsame Walzertempo der Cabaletta schafft eine Diven-Nummer, die Donizetti so nicht wollte, und er zerstört neben der dramatischen Glaubwürdigkeit auch die Formproportion der großangelegten «Scena ed Aria».

Gleich danach findet sich in der Partitur eine kleine Szene, in der Raimondo, Lucias Erzieher, mal ...

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Opernwelt März 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Stephan Mösch