Lob der Bastarde

Sommerträume, Wintermärchen, Gefühlsstürme: Anmerkungen zu Shakespeare-Opern seit 1945 – von Bernstein bis Rihm, von Britten bis Sciarrino

Bei Shakespeare hat sich nicht nur Verdi bedient. Noch 400 Jahre nach dem Tod des Elisabethaners beleben seine Stoffe und Figuren das Musiktheater. Gerade erst wurde in Wien eine neue Hamlet-Oper (von Anno Schreier) uraufgeführt. In Shakespeares Stücken wirbeln Erhabenes und Triviales, Tragik und Komik, Königshof und Kneipe wild durch­einander. Vielleicht ist es gerade diese produktive Anarchie des Heterogenen, der schwankende Boden, der offene Horizont, die den Dramatiker aus Stratford als Wahlverwandten der Moderne, ja der Gegenwart erweisen.

Deshalb ist er auch für Komponisten unserer Zeit eine unerschöpfliche Quelle geblieben. 

 

Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: «König Lehar», Trauerspiel in fünf Akten von W. Shakespeare.» Karl Kraus, der auf die Kuriosität stieß, kommentierte sarkastisch: «Da gibts gar nicht zu ­lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz ­machen wollen ... An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespeare-Trauerspiel.» So ...

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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: William Shakespeare, Seite 78
von Gerhard R. Koch

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