Liebe und (Unter)Leibeigenschaft

Andrea Breth deutet Janáceks «Katja Kabanova» in Brüssel als Requiem

Bei der Uraufführung klang es nach Vorwurf. «Katja Kabanova» sei eine «realistische» Oper, hieß es damals. Sie sei darin gnadenlos und letztlich kunstfremd. Später wurde daraus ein Lob: Janácek, der genaue Beobachter, untrüglich der Wahrheit auf der Spur. Noch später war die Sache mit dem Realismus ein Klischee, das sich durch die Aufführungen zog und nur selten reflektiert wurde. Schlechte «Katja»-Produktionen sehen aus wie «Cavalleria rusticana» (ein Stück übrigens, von dem Janácek begeistert war) mit der falschen Musik. Gute «Katja»-Produktionen schaffen sich Fallhöhe.

Sie reagieren auf den Realismus, der in Motivkürzeln, Sprachmelodik und Kleinbürgersujet gleichermaßen steckt, indem sie ihn als ein Stilmittel unter vielen verstehen. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben das jüngst in Stuttgart versucht (OW 7/2010); ebenso Michael Thalheimer an der Berliner Staatsoper (OW 4/2005). Christoph Marthaler ist auf diese Weise in Salzburg ein großer Wurf gelungen, weil er Hören und Sehen auseinanderdividierte, um beides spannungsvoll neu zusammenzusetzen (OW 9-10/1998).

Auch Andrea Breth, die jetzt (nach Gluck, der «Verkauften Braut», «Carmen» und «Eugen Onegin») ihre erste ...

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Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
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