Leise flehen meine Lieder

CD des Monats: Berückend: Andrè Schuen und Daniel Heide mit Schuberts «Schwanengesang»

Opernwelt - Logo

Hoffnung klingt anders. Traurig und trist tropfen die Achtel von der imaginären Decke herunter, fallen auf schwere, quer im Raum verteilte Halbnotensäulen. Und dann diese Tonart! D-Moll, das riecht nach Unheil, Schmerz, nach Tod. Dennoch versucht es der Dichter, mit einer triolischen, sich behutsam aufrichtenden Phrase und mit jenen Worten, die dem Komponisten Franz Schubert seit dem Tag, da er sie vertonte, wohl nicht mehr aus dem Sinn kamen, weil sich in ihnen seine ganze Sehnsucht ausdrückte.

«Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir; / in den stillen Hain hernieder, Liebchen komm zu mir!» 

Das «Ständchen» auf Verse von Ludwig Rellstab gehört zu Schuberts berühmtesten Liedern, es ist häufig gesungen worden. Aber selten so innig, so berührend wie hier: Andrè Schuen und sein fantastischer Klavierpartner Daniel Heide deuten es ohne jede Larmoyanz, dabei ganz aus dem Geist der Romantik, dem Reich der übertriebenen und überzeichneten Gefühle. Nur sind diese Gefühle in einen sanften Stimm- und Klavierklang eingebettet. Sie stoßen nicht ruckartig hervor, sondern fließen fast episch dahin. Erst bei dem Wörtchen «ach!» dehnt Schuen, kaum spürbar, die Melodie, so als wolle er ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 19
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Im Tollhaus

Er will sie, er will ihn – und er will alles: So ist Eliogabalo, der ohne Zweifel verrückteste Kaiser im alten Rom. Als 14-Jähriger kam Varius Avitus Bassianus 218 n. Chr. auf den Thron, trieb sein Wesen und tat dies äußerst heftig, wenn auch nur kurz: Vier Jahre nach der Thronbesteigung hauchte er, von der Hand eines Mörders getroffen, sein Leben aus – später...

Sieben Fragen an Jasmin Solfaghari

Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
«Wotans Abschied» («Die Walküre»), Staatsoper Berlin im Schillertheater, 2011. 

Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
Zunächst sollten wir die sagenhaften Theater (vor allem auch die Italiens) erhalten. Der Ort und die Eigenschaften rund um ein Opernhaus in meiner träumerischen Vorstellung wären: für jeden erschwinglich und...

Erfreuliche Alternative

Meine Güte, hat denn je einer mit clemenza Wahlen gewonnen? Trotz Ciceros Meinung, nichts zieme einem großen Manne mehr als Versöhnlichkeit und Milde, wurde diese Eigenschaft schon zu Römerzeiten vermutlich als Domäne der Schwachen empfunden. Auch in Mozarts «La clemenza di Tito» herrscht Zwiespalt, und die Musik verweist keineswegs auf jene Milde, die der Titel...