Kunst und Kult

Der charismatische Grieche mit russischem Pass hat flammende Befürworter, andere werfen ihm Effekthascherei vor. Unstrittig bleibt, dass Teodor Currentzis, der «Dirigent des Jahres», unter den Maestros seiner Generation der eigenwilligste ist

Opernwelt

Konzerthaus Dortmund. Teodor Currentzis probt Purcells «Indian Queen». Im September tourt er damit durch Europa. 20 Minuten lang arbeitet er mit dem Countertenor Ray Chenez an einer einzigen Phrase. Singt vor, erklärt Bögen und Betonungen, dünnt das Continuo aus, wiederholt. Für solch zeitraubende Detailarbeit ist der Probenfanatiker berühmt und berüchtigt. Das Ergebnis: maximale Beherrschung der technisch-musikalischen Parameter. Sie bildet die Basis für jene Entfesselung, die Currentzis ­immer wieder zuwege bringt. Sie durchpulst auch seine furiosen Einspielungen.

Am gleichen Ort gastierte Currentzis im vergangenen November auch mit einem konzertanten Da-Ponte-Zyklus. Rhetorische Finesse, rhythmischer Drive, Präzision, gestisches Musizieren und mustergültiger Ensemblegeist fanden in zwingender, aufregender Verdichtung zusammen. «Mozart ist eigentlich der schwierigste Opernkomponist, weil einfach alles schon in der Musik steckt, jeder Blick, jede Aktion», sagt Currentzis. Die Kräfte, die seine Interpretationen freisetzen, werden seiner Meinung nach häufig missverstanden: «Manche sagen, es klingt wie Rock’n’Roll. Damit hat es überhaupt nichts zu tun. Vielmehr haben wir lange die Energie ignoriert, die in unserer tradierten Musik ohnehin steckt, weil wir oft nur ­reproduzieren, statt zu kreieren. Es muss immer klingen, als würden wir ein Werk zum ersten Mal hören.»

Im April wurde Currentzis in Hamburg der Kairos-Preis der Alfred Toepfer Stiftung verliehen, mit 75 000 Euro einer der am höchsten dotierten Kulturpreise in Europa. In der Jury-Begründung hieß es, der Preis ehre ihn auch, «weil er sich genreübergreifend und kompromisslos den Zwängen des modernen Musikbetriebs widersetzt.» Die Laudatio hielt Peter Sellars in Form eines imaginären Rundgangs durch die griechische Kultstätte Epidauros, um der Eigenart von Currentzis’ geistiger Haltung auf die Spur zu kommen. Kunst und Leben, Kult und Heilung waren eins in Epidauros, dozierte Sellars. Diese umfassende Spiritualität zeichne auch Currentzis aus. Mehrfach trat an diesem Abend sein MusicAeterna-Chor auf und führte eindringlich vor Ohren, was am Wirken dieses Musikers einzigartig ist: Das 20-köpfige Ensemble, das stets auswendig singt, machte Werke von Strawinsky und Schnittke zum unmittelbaren, existenziellen Ereignis. Es ist nicht allein die Perfektion, die den Atem stocken lässt. Es ist die Intensität, die radikale Hingabe, die der Primus seinen Musikern abverlangt.

Wenige Tage zuvor hatte Currentzis in Zürich bei der Premiere von «Macbeth» für eine Sternstunde gesorgt: «Regisseur des Jahres» Barrie Kosky (siehe Seite 122) zeigte die Verdi-Oper als schwarzes, reduziertes Kammerspiel. Der Dirigent stellte dabei jeden einzelnen Ton in den Dienst des dramatischen Geschehens. Er raute Verdis Partitur auf, entwickelte, wie Kosky, alles aus dem Nichts. Aus einem gepressten, lauernden Piano heraus, das jedes Forte umso brutaler klingen ließ. Currentzis radikalisierte nicht mutwillig, sondern im Sinne Verdis, der sich eben ­jenen Mut zur Hässlichkeit ausdrücklich gewünscht hatte. Er entdeckte gleichsam einen neuen «Macbeth». Gefährlicher, nihilistischer, als wir ihn je hörten.

Den Spielregeln des globalisierten Musikbetriebs setzt er seinen eigenen Rhythmus entgegen. Currentzis ist kein Reisedirigent, der nur für die Endproben einfliegt, er ist nicht gemacht für die Produktionsroutinen mit knapp bemessenen Probenzeiten. In Zürich war er von Anfang an dabei. «Das war für mich tatsächlich der Archetyp, so sollte die Zusammenarbeit zwischen Regie und Musik sein!»

Seinen Vertrag als Musikdirektor am russischen Opern- und Ballett-Theater in Perm hat er gerade um fünf Jahre verlängert. Dort hat er sich seine eigenen Bedingungen geschaffen. In den Probenpausen herrscht in Perm stets ein babylonisches Sprachgewirr, denn bei MusicAeterna treffen sich Musiker aus Paris, Köln, Moskau und Madrid. Die Atmosphäre ist familiär, fast intim, man munkelt, dass so manche Probe in dionysische Festgelage mündet. Ausgerechnet in Perm, einer Stadt, aus der alle immer nur wegwollten: Anton Tschechow diente sie als Modell der langweiligen Garnisonsstadt im Osten, in der sich seine drei Schwestern verzweifelt nach Moskau sehnen. Currentzis aber schafft es, Spitzenmusiker aus der ganzen Welt an diesen rauen Ort im Ural zu locken.

Die altertümliche Tram rumpelt ächzend durch die sich lang an der Kama hinziehende Stadt, vorbei an bröselnder Pracht, großspuriger Sowjetarchitektur und gleichgültig hingenommener Verwahrlosung. Im schmucken Opernhaus empfängt der Musikchef in seinem Dienstzimmer, das eher an die Kulisse für eine Dorian-Gray-Verfilmung als ein Büro erinnert: An den Wänden hängen ornamentale Seidentapeten, auf dem Sofa versinkt man in plüschigen Kissen und einer mit Blumen bestickten Decke. In diesem Salon residiert kein smarter Maestro, sondern ein exzentrischer Künstler, der sich selbst inszeniert als Mischung aus Dandy und Rebell. Sein Englisch klingt weich, er lümmelt entspannt, fast lasziv in den Kissen, und in den Augen flackert immer wieder ein beunruhigendes Glühen.

Ausgerechnet Russland ist für diesen Einzelgänger ein Land der Möglichkeiten: »Wir haben viele Schwierigkeiten hier, aber ich könnte mir meine Entwicklung in einem anderen Land so nicht vorstellen.» Auch, weil er hier jenseits von Tarifverträgen die Arbeit nach seiner Fasson gestalten kann: »Ich bin hier, weil ich ein Exil brauche, um neue Regeln zu definieren. Ich möchte mit Musikern zusammen sein, die hierher kommen, weil sie mit mir arbeiten wollen. Hier ist ja sonst nichts!» Currentzis redet viel von Anarchie, er liebt poetische Vergleiche. In seinem Perm-Projekt sieht er ein Pendant zum heiligen Berg Athos, sich selbst als «Ersten unter Gleichen». Die Proben werden hier ganz kurzfristig geplant, dann wird so lange gefeilt, bis alles stimmt. Probenarbeit ist kein Dienst, sondern ein wuchernder Prozess – der sich mitunter in spontanen Sessions fortsetzt. Currentzis ist Neu-Russe aus Überzeugung. «Ich war sofort fasziniert von der Spiritualität in diesem Land. Die Menschen hier haben eine völlig andere Art, sich der Realität zu nähern als die im Westen. Ich liebe das, denn das ist einzigartig. Die russische Seele, die gibt es wirklich.»  


Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Dirigent des Jahres, Seite 114
von Regine Müller

Weitere Beiträge
Mitten im Nirgendwo

Oper aus dem Internet? Nicht lange her, dass der anspruchsvolle Fan entsetzt die Nase rümpfte. Wackelnde Bilder plus mieser Klang – das wollte sich kaum ein Homo classicus antun. Doch Online-Programme in High-Defintion-Qualität gewinnen stetig an Bedeutung. Nicht nur private Anbieter setzen aufs Netz, um Mitschnitte aktueller und historischer Aufführungen zu verbreiten. Auch...

Diversität oder: Was bleibt von 2015/16

Über den Typus des Künstlerintendanten wird wieder heiß diskutiert. Obwohl man ihm, bei Licht besehen, heute eher selten begegnet – zumal im Musiktheaterbetrieb. Das Modell des allgewaltigen Patriarchen, der nicht nur den Laden schmeißt, sondern auch auf der Bühne (oder im Orchestergraben) die Zügel führt, hat ohnehin ausgedient. Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch es gibt sie nach wie...

Expedition zwischen Struktur und Natur

Ende 1910 machen sich der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Scott auf, den Südpol zu entdecken. Beide werden ihn erreichen, mehr als ein Jahr später, der Norweger als Erster, der Brite als Zweiter. Scott und sein gesamtes Team kommen auf dem Rückweg um. In der Geschichte der Entdecker, der Expeditionen und der großen Abenteuer ist der Kampf um den Südpol ein Mythos geworden....