Kunst der Kontinuität oder: Was bleibt von 2005/2006?

Die Bilanz der Spielzeit im Urteil von fünfzig Kritikern

Kunst komme nicht von Können, sondern von Müssen, meinte Arnold Schönberg. Die diesjährigen Ergebnisse unserer Kritiker-Umfrage zeigen noch etwas anderes: Kunst kommt von Kontinuität. Zumindest in der Oper. Dort kann Kontinuität ­viele Bereiche betreffen. Der schwerfällige Apparat eines Opernhauses braucht Zeit, sich auf bestimmte Leitlinien einzustellen, seien sie künstlerischer oder organisatorischer Art. Ein ­Dirigent braucht Zeit, um sein Orchester dauerhaft auf ein bestimmtes Klangbild oder stilis­tische Flexibilität einzuschwören.

Ein Opernchor kann nur über Jahre, vielleicht sogar über mehrere Sängergenerationen hinweg so wachsen, dass er sich in der Musik­geschichte vom Barock bis zu Uraufführungen gleichermaßen sicher bewegt. Kollektive im Opernbetrieb sind gesättigt mit den divergierenden Erfahrungen vieler Einzelner. Das macht sie reich und skeptisch zugleich. Solisten können mit medialer Schützenhilfe und rigiden Agenten im Rücken heute leichter als je zuvor eine Blitzkarriere hinlegen. Im Gedächtnis, auch im kollektiven, bleiben freilich diejenigen, die ihre stimmlichen Möglichkeiten Schritt für Schritt erweitert und sich in verschiedenen Lebensaltern und Stilen ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Bilanz, Seite 104
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Sehnsucht nach Direktheit

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