Krieg und Lieben

Amsterdam: Gounod: Roméo et Juliette

Vom ersten Augenblick an Apokalypse. Dunkle Gestalten in Camouflage-Hosen rennen über die Bühne, setzen sich die Heroin-Nadel. Hunde schnüffeln an Leichen, auf frischen Gräbern stecken schäbige Holzkreuze. Im Hintergrund dräut ein wolkenzerrissener schwarzer Himmel vor den Ruinen einer zerschossenen Stadt. Das könnte Sarajevo sein, aber auch Verona. Denn, man glaubt es kaum, eigentlich sind wir hier in Gounods Liebesdrama «Roméo und Juliette».



Der südfranzösische Regisseur Olivier Py, der 1998 ein Theaterstück über Srebrenica geschrieben hat, lässt die Oper mitten in einem Krisengebiet spielen, das stark an die Bilder vom jugoslawischen Bürgerkrieg erinnert. Statt verfeindeter Familien bekämpfen sich Volksgruppen. Das ist gerade in Amsterdam pikant, waren es doch niederländische Blauhelm-Soldaten, die beim Verbrechen von Srebrenica tatenlos zusahen. Die These des Regisseurs: «Romeo und Julia» ist kein Stück über die Liebe, sondern eines über den Krieg. Wenn ringsumher der Tod regiert, so scheint diese Liebe nur besonders ausgeprägt – so stark wie die lebhaften Farben beim Fest der Capulets im ersten Akt, die aus dem düsteren Bühnenbild von Pierre-André Weitz hervorstechen wie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Udo Badelt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Hochseekrimi

Detlev Glanert gehört zu den wichtigsten Opernkomponisten der mittleren Generation. Wie fast alle seine zwölf vorausgegangenen Bühnenwerke beruht auch sein jüngster Einakter «Das Holzschiff» auf einer literarischen Vorlage, dem ersten Teil der Romantrilogie «Fluss ohne Ufer» von Hans Henny Jahnn. Der große Poète-maudit der deutschen Literatur erzählt in dieser...

Phantom der Oper

Wo Türen und Fenster undicht sind, zieht es, und Hoffmann ist mitten darin. Zappelnd Starres dient dem, Traum wird frei, ruft jedem nach.» So hatte 1930, halb philosophisch raunend, halb expressionistisch stammelnd, Ernst Bloch seine Kritik von Otto Klemperers berühmter Produktion an der Berliner Kroll-Oper begonnen. Offenbachs fantastische Oper ist Urgestein des...

Apokalypse im Kloster

Der Roman «Im Land der letzten Dinge», eine der frühen Publikationen des Kultautors Paul Auster, 1987 erschienen, ist eine klassische Dystopie – er steht in derselben spezifisch amerikanischen Erzähltradition, die zuletzt Cormac McCarthys Endzeitvision «Die Straße» hervorgebracht hat. Die «vier letzten Dinge» – im Christentum traditionellerweise Tod, Gericht,...