KRIEG UND FRIEDEN

Musikgeschichtlich ein Glücksfall: André Campras Opéra-ballet «Le Destin du Nouveau Siècle» aus Versailles

Seit einem Jahr war der Große Türkenkrieg siegreich beendet, ein Erfolg des Habsburgers Leopold I. Und mehr als zwei Jahre waren seit dem Frieden von Rijswijk im Herbst 1697 vergangen, mit dem der von Louis XIV. angezettelte neunjährige Pfälzische Erbfolgekrieg sein Ende fand. Er hatte Frankreich einen schmerzlichen Rückschlag beschert: Fast alle annektierten Gebiete (mit Ausnahme des Elsass) mussten aufgegeben werden. Eine Hungersnot hatte ein Übriges getan. Das war nun propagandistisch zu kompensieren.

Ein Plebiszit, so die Idee des Theaterdichters Jean-Antoine du Cerceau vom Jesuiten-Kolleg Louis-le-Grand, sollte es richten: Saturn, der Herr über die Zeitalter, lässt das Volk seine Wünsche für das beginnende neue Jahrhundert in jesuitischer Dialektik vortragen: Kriegsruhm auf der einen, die mollesse, die weiche Bequemlichkeit des Friedens, auf der anderen Seite. Den Parzen (im Stück drei muntere Damen, nicht die späteren schrecklichen Parzen Rameaus) sind die widerstreitenden Wünsche im Prolog doppelchörig vorzutragen, in den drei folgenden «Récits» plädieren zuerst Mars, Vulkan und «La Gloire» für den Krieg, dann der Genius der Erde, ländliche Gottheiten und «La Paix» fürs ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 6 2022
Rubrik: CDs, DVDs, Bücher, Seite 38
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Struktur, Effekt und Avantgarde

Zu den überragenden Musiknationen gehören in erster Linie Italien, Frankreich, Deutschland und Russland – zumindest dann, wenn man deren Bedeutung an der Zahl und überzeitlichen Bedeutung der dort wirkenden Komponisten ermisst. Ein überaus produktives, zumal hauptstädtisches Musikleben in Konzert wie Oper sowie eine reiche Tradition auch des Populären ließ (und...

Ohne Rast, ohne Ruh

Der Eiserne bleibt unten, präsentiert stoisch, unantastbar seine antikisierenden Schmuckmotive. Was braucht es auch Bilder, wenn Roland Kluttig die Ouvertüre zum «Fliegenden Holländer» dirigiert? Ein ganzer Ozean tobt ohnehin in der Fantasie, in immer neuen Wellen lässt Kluttig ihn anrollen, voll Wut und Wucht. Denen sich, unendlich langsam ausgekostet, zunächst,...

FEINE PROBEN

Ausgelassene Begeisterung klingt anders: «Das eigentliche Schauspielpublikum kam nicht auf seine Kosten, das Opernpublikum wusste nicht viel mit dem Molière anzufangen. Der Intendant hatte an einem Abend Schauspiel- und Opernpersonal zugleich einzusetzen, und statt zwei guten Einnahmen nur eine, noch dazu nur zweifelhafte !» Derart resigniert fiel 1912 das...