Kontrollierter Wahnsinn

Rossini-Fieber: «Semiramide» unter Alberto Zedda in Antwerpen und ein neuer «Barbiere» in Mannheim

Auf dickbäuchigen, polierten Granitsäulen ruht das Gewölbe des Antwerpener Opernrestaurants, einer Mischung aus Ratskeller und Edelschwemme, Biergläser knallen auf verzinkte Tresen, man kann sich nur brüllend verständigen.

Selbst nach einem großen Opernereignis wie Rossinis «Semiramide» – denn immer ist diese hypertrophe Herausforderung ans Stimmen- und Orchestermaterial ein großes Ereignis – geht es zwischen den Granitsäulen hemdsärmelig zu, man prostet sich über mehrere Tische zu und reflektiert das Geschehen im plüschigen Theater, dem auch nach der Renovierung Charme und nationaler Kitsch erhalten blieben. Den wichtigsten Mann des Abends aber sieht man nicht in der Menge der Feiernden – obwohl er anwesend ist. Alberto Zedda ist eben kein Riese, sondern ein schmächtiger, freundlicher Mann von mittlerweile 83 Jahren, der vor allem an der Menschentraube zu erahnen ist, die ihn ständig umringt.

Wenige Stunden vorher freilich, vor dem Orchester der Flämischen Oper, war Zedda ein Gigant, ein Fanal an Wachheit, Ausstrahlung, Übersicht – und musikwissenschaftlicher Redlichkeit. Denn der gebürtige Mailänder, seit drei Jahrzehnten Künstlerischer Leiter des Rossini Opera Festival und ...

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Opernwelt Februar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen

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