Kontrollierte Ekstase

Wagner: Tristan und Isolde
Gelsenkirchen | Musiktheater im Revier

Wie viel Pragmatismus verträgt dieses maßlose Werk? Erstaunlich viel. In Gelsenkirchen, das zwar eines der schönsten Musik-Theater des Landes stolz erhält, aber nicht als Hauptort der Wagnerpflege gelten kann, gräbt Intendant Michael Schulz überraschend wenig nach finsteren Subtexten, so wie Kollege Jens Daniel Herzog ein paar Kilometer Ruhrgebiet weiter in Dortmund, der Marke als Systemmacht des Bösen zeigte. Hier gibt Phillip Ens den noblen Betrogenen, wie wir ihn kennen, mit diversen Tönen, die sich nicht zum großen Mann fügen wollen.

Den Pragmatismus des Gelsenkirchener Tristan unterstreicht, dass Schulz mit Catherine Foster und Torsten Kerl amtierende Wagner-Größen an die Emscher geholt hat und ihnen reichlich Platz an der Rampe gibt, um zu zeigen, was sie können. Und das ist viel. Torsten Kerl, dessen gepflegte baritonale Grundfärbung unter Dauerforte-Stress enger, durchdringend, aber auch glanzloser gerät, gebietet über eine bewundernswerte Kontrolle im dritten Akt; alles gesungen, kein Heldentenorsterben. Welche Reserven an Strahlkraft Catherine Foster noch hätte, wird deutlich, wenn sie im zweiten Akt von Frau Minne singt und auf einmal betörende Töne hervorzaubert. Den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Holger Noltze

Weitere Beiträge
Für Kenner und Liebhaber

Norbert Miller, von 1972 bis 2005 Professor für Deutsche Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin, hat als offener, souveräner Geist weit über sein Fachgebiet hinaus Leser gefunden. Wer einmal die Regalreihen seiner Bibliothek in seinem Haus am Berliner Schlachtensee entlangstreifen durfte, wundert sich nicht, dass...

Editorial Mai 2017

Als Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon, im Herbst 2013 von der damaligen sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemmer als neuer Chef der Dresdner Semperoper präsentiert wurde, hatte er sich für das traditionsbewusste Haus und die auf ihre ruhmreiche Geschichte mächtig stolze Stadt etwas ganz Besonderes ausgedacht: eine Wieder-Holung szenischer Arbeiten,...

Schwärmer und Rauscher

Liebhabern der Barockoper ist Carl Heinrich Graun kein Unbekannter. Seine Montezuma-Oper liegt seit vielen Jahren als Einspielung vor und hat mehrere Inszenierungen erlebt; für die Staatsoper Unter den Linden grub René Jacobs 1992 «Cleopatra e Cesare» aus, jene Oper, mit der das Haus 250 Jahre zuvor eröffnet worden war. Doch wer kennt schon Musik aus Grauns...