Komm ins Offene, Freund!

Ikea geht auch: Wie man ein Möbelhaus fürs Musiktheater erschließt

«Billy, Billy, Bil - ly!», jammert der Bariton melodisch und verzweifelt. Der Pianist reißt seinem Mitbewohner entnervt die Notenblätter vom Halter und setzt starr sein Spiel fort. Von irgendwoher ertönt ein schicksalhafter Frauenchor, der bedeutungsgeladen den Begriff «Heymdahl» auf- und abebben lässt. Der Aufbau eines Ikea-Möbels – kläglich gescheitert.

Schauplatz dieser aberwitzigen Szene ist ein kleines Zimmer, das mit seiner in Schwarz-Weiß gehaltenen Ausstattung und niedrigen Stellwänden einem der Musterwohnräume des Einrichtungshauses Ikea gleicht.

«Adventures in a furniture store» heißt dieser Abend. Es handelt sich um das Abschlussprojekt des 25-jährigen, zuletzt in Berlin ausgebildeten Kompositionsstudenten Tom Lane. Das Publikum erlebt dabei nicht nur das Abenteuer «Möbelhaus», sondern auch Abenteuer des Alltags, unter anderem des Beziehungsalltags. Wie im Stationentheater wandern die Besucher in Gruppen von Zimmer zu Zimmer, von Bild zu Bild: Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer. Oder umgekehrt. Jeder einzelne Zuschauer wird zum Ko-Regisseur, erläuft sich seine ganz persönliche Inszenierung. Mit diesem Aufbrechen der klassischen Guckkasten-Ästhetik steht Tom Lane ganz im ...

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Opernwelt Februar 2010
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Vera Teichmann

Vergriffen
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