Kammerspiel und Broadway Show

Bizets «Carmen» in extremen Lesarten: Sandra Leupold und Will Humburg stellen in Darmstadt alles auf die Probe, Barrie Kosky und Constantinos Carydis zelebrieren in Frankfurt schillerndes Entertainment

Als rätselhafter Solitär steht Bizets «Carmen» in der Operngeschich­te, irgendwo zwischen Wagner und der Italianità des ausgehenden Belcanto und aufkommenden Verismo. Der Komponist, auch mit seiner jugendlichen C-Dur-Sinfonie (einer verfrühten «Symphonie classique») ein aus der Zeit Gefallener, ließ sich nicht wie seine Landsmänner Chausson und (zeitweilig) Debussy von der Bayreuther Magie verführen.

Er kreuzte vielmehr ein hoch pathetisches, erzromantisches amour fou-Sujet mit Ingredienzen der Opéra-comique – und entsprach damit auch der Gelegenheit, sein Werk 1875 an dem für dieses Genre bestimmten Pariser Haus (und nicht an der Grand Opéra) uraufführen zu können. Freilich fiel er damit sogleich halbwegs auf die Nase, musste mitansehen (er starb darüber), dass seine «Carmen» von Ernest Guiraud mit hinzukomponierten Rezitativen «verbessert» wurde. War das Etikett Opéra-comique bloß ein Missverständnis? Ein Jahrhundert des (auch den Guiraud-Rezitativen zu verdankenden) Welterfolgs nährte diese Auffassung. Doch seit Walter Felsenstein hat sich allmählich die philologische Bemühung um eine «authentische» Version durchgesetzt. Dass schon Felsenstein mit seiner Marschstiefelästhetik ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Hans-Klaus Jungheinrich

Weitere Beiträge
Ansteckungsgefahr

Mit ohrenbetäubendem Kreischen stürmt eine Gruppe Jugendlicher in weiß-blau gestreiften Badekappen die Bühne, unter dem donnernden Stakkato eines Pianos. Sie posieren. Sie grimassieren. Dann singen sie. Im kleinen, von Leuchtröhren erhellten Chorsaal im vierten Stock des Theaters an der Wien hat das Team um das Regie-Duo Catherine Leiter und Beate Göbel alle Hände...

Der Auftraggeber

Man muss ihn einen erfolgreichen Sisyphus nennen, und so sieht er sich auch selbst. Als Opernintendant in Amerika hat David Gockley den Stein der Ästhetik immer den Berg hochgerollt, um zu sehen, wie er auf der anderen Seite als Stein der kommerziellen Abhängigkeit wieder herunterrollte. Abgehalten von seiner unerschrockenen Politik der Innovation hat ihn das...

Weit gespannt

So etwas habe er in 40 Jahren nicht gehört, sagt ein pensionierter Intendant nach dem Liederabend. Das Publikum scheint ähnlich zu denken und springt nach dem letzten Stück sofort von den Sitzen. Strahlende Gesichter überall. Wie beglückt schreiten die Menschen hinaus in den taghellen Frühsommerabend, stehen, schwatzen und schwärmen noch lange im Hof der...