Kaltes Feuer

Barbara Hannigan ist der Star in Krzysztof Warlikowskis Brüsseler «Lulu», doch die Schlüsselszene gehört Rosalba Torres Guerrero

Die stärkste Szene spielt vorn an der Rampe. Eine schwarze Schwanenfrau trippelt da auf Spitze. Vor einem goldglänzenden Vorhang. Versucht verzweifelt abzuheben. Spreizt die Flügelarme, windet sich, kreiselt um die eigene Achse. Klack macht es, klack, klack, klack. Immer schneller, immer lauter. Der Atem wird schwer. Bis die Luft ausgeht. Bis der Schwan in sich zusammensackt. Ein Kunstwesen aus Tüll und Tanzschuhen. Kein Ton dringt aus dem Graben, kein Laut aus dem Parkett. Gespenstische Stille.

Lulus langes Sterben, ihr ganzes fiebrig flimmerndes Drama steckt in dieser stummen Szene, die den ersten Akt beschließt. Im Körpertheater der Tänzerin Rosalba Torres Guerrero.

Sogar Barbara Hannigan, die mit rückhaltloser Energie und beispiellosem Einsatz Krzysztof Warlikowskis Brüsseler Inszenierung von Alban Bergs Monstre-Tragödie dominiert, hat sich davongestohlen. Es ist der einzige Moment, in dem die kanadische Sopranistin das Geschehen nicht bestimmt. Sie ist der Star, das Kraftzentrum, die Abendsonne, in deren Feuer alle verglühen. Eine Darstellerin von unglaublicher Präsenz. Aber auch eine Sängerin mit einer platingehärteten Stimme und schneidender Intonation. Mit einem Timbre, das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Komische Opern

Herr Jacobs, Sie dirigieren in Wien den «Barbier von Sevilla» – aber nicht den von Rossini ...
Nein, das wäre ein noch größerer Schritt für mich gewesen. Mir geht es vorerst um den «Barbiere» von Giovanni Paisiello. Mozart fand Paisiello dermaßen gut, dass er dessen «Barbiere» eben deshalb fortsetzen wollte. Noch Rossini hatte Angst, dass sein «Barbiere» durchfallen...

Leben ohne Urlaubsschein

Frau Johannsen, kaum jemand gibt in jungen Jahren eine feste Stelle auf, weil das Repertoire nicht ideal ist. Sie haben es trotzdem riskiert. Warum?
Ich hörte von den verschiedensten Seiten immer wieder: «Du solltest mehr Barock singen!» Tatsächlich war es, wenn ich Händels «Messias» sang, immer so, als ob ich das den ganzen Tag tun könnte. Aber fest an einem...

Licht aus, Ohren auf

Das Auge hört mit. Nicht nur in der Oper. Manchmal mischt es sich so sehr ein, dass die Ohren das Nachsehen haben. Doch was, wenn nur das Ohr was sieht? Wenn die Bilder nicht von außen, sondern von innen kommen? Inspiriert durch Adriana Hölszkys Musiktheater «Tragödia – Der unsichtbare Raum» experimentiert die Berliner Regisseurin Sabrina Hölzer seit vielen Jahren...