Kafka con spirito
Einem für alle – alle für Einem»: mit diesem Sprüchlein geißelte ein Kritiker vor 50 Jahren die eingängige Zwölftonferne, der sich angeblich die sensationellen Nachkriegserfolge des österreichischen Komponisten verdankten. Das traf den Nagel irgendwie auf den Kopf, nur drang er leider gleich so weit ins Gehirn der Öffentlichkeit, dass Gottfried von Einem auf Dauer nicht zu halten war – der Mann, dessen Familie mit Hitler verkehrt hatte, war nun auch des austrofaschistischen Komponierens überführt.
Dass ausgerechnet Karl Böhm 1953 die Salzburger Uraufführung von dessen Kafka-Oper «Der Prozess» leitete, erhöhte die Akzeptanz des Werks nicht eben. Auf der Bühne erschien es erst wieder 1996 (Budapest) und 2001 (Nantes) und dann noch einmal zum 100. Geburtstag des Komponisten (Salzburg/Wien) 2018.
Tobias Lepperts Kammerfassung könnte jetzt helfen, das Stück aus dem Windschatten von «Dantons Tod» und dem «Besuch der alten Dame» zu bringen, zwei Opern von Einems, die sich zumindest teilweise gegen herrschende Dogmen und Vorurteile zu behaupten vermochten. Denn die orchestral reduzierte Version am kleinen Haus in Radebeul ist eine große Sache, kann sie naturgemäß auch nicht mit dem Thrill ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Volker Tarnow
Ein Sturm fegt durchs altehrwürdige Opernhaus von Hannover. Doch nicht einem Shakespeare’schen Naturereignis von Prosperos und Ariels Gnaden gleicht die Ouvertüre von Verdis «Otello». Es ist der (von Philipp Contag-Ladas auf die Rückwand projizierten Bildern noch zusätzlich aufgeladene) Lärm des Kriegs, der sich hier Bahn bricht. Gewitterblitze zucken,...
Diese Aufführung ist ein Angriff auf alle Sinne. Wer Bertolt Brechts Lehrstück aus dem Jahr 1939 für politisch überholt und seine Vertonung durch Paul Dessau aus dem Jahr 1951 für musikalisch blass hielt, wird durch die Stuttgarter Inszenierung eines Besseren belehrt. Aktuell ist «Die Verurteilung des Lukullus», die bei ihrer Uraufführung an der Ost-Berliner...
Die «Années folles», die Roaring Twenties nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bescherten mit ihrer Invasion des Jazz und der amerikanischen Motorik auch der französischen Operette eine letzte Blüte. Selbst für den graziös-eleganten Stil der älteren Meister wie Reynaldo Hahn oder André Messager, dessen comédie musicale «Passionnément» aus dem Jahr 1927 soeben in der...
