Käfig voller Narren

Gomes: Fosca Gießen / Stadttheater

I am what I am» singt eine Frau vor der Ouvertüre – eine ansonsten stumme Darstellerin, die der wilden Freibeuterin Fosca als Mischwesen zwischen Groupie und Spielleiterin hinterherläuft. So ist der Käfig voller Narren von 1983 vor die Oper von 1873 gesetzt – die Regie versucht nicht, den grandiosen Opernschmarren der Fosca-Handlung zuzukleistern oder alle Verwirrungen um Liebeshändel, Geiselnahmen und Ganovenehre zu bebildern, sondern stellt Querstände eher noch aus.



Man mag es als typisch für das experimentierfreudige Gießener Theater begreifen, zum Verdi-Jahr das Werk eines Zeitgenossen zu spielen. Il Guarany und Fosca aus Gomes’ Feder waren die erfolgreichsten Opern an der Mailänder Scala ihrer Zeit – nach den Werken Verdis, dessen Forza- und Aida-Librettist Ghislanzoni auch für Fosca verantwortlich zeichnet.

Vor zwei Jahren wurde in Gießen Gomes’ Lo schiavo erfolgreich aufgeführt. Die deutsche Erstaufführung von Fosca kann sich hören lassen, aber: Es hat seine Gründe, dass dem Werk dauerhafter Erfolg verwehrt blieb.

Regisseur Thomas Oliver Niehaus ergreift ungeniert Partei für die Titelheldin. Mit ihrer rebellischen Ader ist sie Außenseiterin einer normierten Gesellschaft, die ...

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Opernwelt März 2013
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Claus Ambrosius

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