Junge Racker und ihr Ende

Das Festival in La Coruña entdeckt Carnicers «Il dissoluto punito» und versucht sich an Strawinskys «The Rake’s Progress»

Die Buh-Rufe waren berechtigt: Calixto Bieito hatte Strawin­skys «Rake» beim Festival im nordwestspanischen La Co­ruña als harm­lose Kinderspielzeug-Version angerichtet: ein riesiges Gummi-Disney­world, das knatschbunt selbst den Orchestergraben und das Proszenium umfasste. Hier ein bisschen Ritterburg mit Türmchen, da ein paar phallische Pilze, hier ein Kissen, das aussah wie eine weibliche Brust, dort ein paar Buchstaben, die sich irgendwann als die Zeichenfolge LONDON entziffern ließen.

Und weil alles so schön aufgeblasen war, durfte man darin herumhüpfen wie auf einem Trampolin, ein wenig Break Dance veranstalten, rappen oder auch Kopula­tions­gymnastik absolvieren. Allen voran der Hippie-Chor mit Perücken wie zu den Fußball-WM- Spie­len. Und des jungen Tom «Schat­ten», der Schwar­ze Chester Patton als Nick Shadow: Der hatte Spezialschuhe an, mit denen es sich so richtig weit springen ließ.
Wirklich ernst wurde es erst, als am Ende Tom in der Psychiatrie landet – da ist das ganze Luftschloss in sich zusammengefallen, die Nüchternheit der Bühne und das manische Verhalten der Anstaltsinsassen hätten schrecklicher nicht ausschauen können. Wenn diese Auffüh­rung in Erinnerung ...

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Opernwelt August 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
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