Der Reiz des Androgynen

Philippe Jaroussky singt Vivaldi, Nathalie Stutzmann Händel

Der Siegeszug der Countertenor-Stimme hat nicht nur unser Bild von der Barockmusik, sondern auch die Ästhetik des Gesangs verändert. Der verführerische, zwischen den Geschlechtern oszillierende Reiz des Androgynen, der im Barock von den Kastraten und ihrem Gesang ausstrahlte, hat auch uns wieder ergriffen. Transgender ist heute nicht nur ein Stichwort des kulturellen, sondern auch des musikalischen Diskurses. Oft lässt sich, wenn man nur die Stimme hört, nicht mehr unterscheiden, wer singt – Mann oder Frau, wie etwa im Fall der neuesten CDs von Philippe Jaroussky und Nathalie Stutzmann.

John Potter meint übrigens in seiner gemeinsam mit Neil Sorrell verfassten «History of Singing», dass die Kastratenstimme keine ins Erwachsenenalter projizierte Knabenstimme, sondern eher eine geschlechtsneutrale Kinderstimme wie die leichten Soprane im frühen 19. Jahrhundert gewesen sei.

Unter den im Moment führenden Countertenören besitzt Jaroussky gewiss die geradeste, schlackenloseste, im Sinne Potters: geschlechtsneutralste Stimme. Jaroussky verfügt dabei über alles, was die barocken Theoretiker fordern: Leichtigkeit des Ansatzes, Ebenmäßigkeit der Tongebung vor allem im Piano und Legato, aber ...

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Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 20
von Uwe Schweikert