Jagdgründe der Avantgarde

Zur Uraufführung von Hans Zenders «Chief Joseph» an der Berliner Staatsoper

Dem emphatischen Fortschrittsglauben, den die an Arnold Schönberg und der Zweiten Wiener Schule orientierte musikalische Moderne lange zelebrierte, der Theorie einer kontinuierlichen, gleichsam naturgesetzlichen Fortentwicklung des Materials ist Hans Zender stets mit wacher Skepsis entgegengetreten. Besonders das serialistische Primat integra­tiver, in sich abgezirkelter gegenüber heterogenen, offenen Formen reizte den 1936 geborenen Komponisten, Dirigenten und Essayis­ten immer wieder zum Widerspruch.

«Lesen wir heute die Frühschriften von Stockhausen und Boulez», heißt es etwa in dem Einleitungstext der 1996 erschienenen Aufsatzsammlung «Wir steigen niemals in denselben Fluss», «so bewundern wir ihren ganz außerordent­lichen Scharfsinn und ihre souveräne syste­ma­tische Bewältigung der neu aufgetauchten Fragen. Gleichzeitig können wir aber beobachten, wie gerade dieses systematische Denken in Parametern zur raschen Etablierung einer dem Ursprungsgeist der Moderne diametral entgegengesetzten dogmatischen Geschlossenheit und logizistischen Selbstbezogenheit beigetragen hat.»
Mit anderen Worten: Wenn zur allein selig machenden Norm verklärte (ästhetische) Prinzipien oder Regularien ...

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Opernwelt August 2005
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
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