Der innere Kompass

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen, meinte schon Goethe. Felicity Palmer hat es so gehalten: Jahrelang war sie im falschen Fach unterwegs, kämpfte sich durch große Krisen. Dann nahm sie das Ruder selbst in die Hand. Ein Gespräch über höfliche Stimmen, gefährliche Lehrer und die Bedeutung des Liedgesangs für die Oper

Frau Palmer, Sie sind ja, wenn man das laut sagen darf, vor einiger Zeit 70 Jahre alt geworden – und singen immer noch!?
Ja, vielleicht liegt das daran, dass ich irgendwie etwas nachholen muss. Ich bin, wie ich leider sagen muss, viele Jahre lang fehlgeleitet worden. Wie so viele Sänger. Man denkt immer, die Lehrer wissen alles. Und irgendwann realisiert man, dass das gar nicht stimmt. Und dann muss man selbst loslegen.

Wann haben Sie selbst losgelegt?
Erst vor vielleicht zwölf Jahren. Sehr spät.

Auch davor habe ich natürlich gesungen. Ich galt als musikalisch, konnte vom Blatt lesen – und sang, wie mir der Schnabel gewachsen war. Das geht auch, sogar wenn man eigentlich grundsätzliche Probleme hat. Aber eben nur bis Anfang 40. Dann wird es schwierig.

Was war Ihr grundsätzliches Problem?
Etwas, das ich damals nicht bemerkt habe und das mir auch niemand gesagt hat: dass ich in Wirklichkeit Mezzo bin.

Eine bedeutende Lehrerin von Ihnen war die viel bewunderte Vera Rosza. Hat sie Ihnen das nicht gesagt?
Nein. Vera Rosza war eine gefährliche Frau. Sicher, sie war auch die Lehrerin von Kiri Te Kanawa und Sarah Walker. Anscheinend waren die robuster als ich. Auch Anne Sofie von Otter war bei ...

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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Interview, Seite 30
von Kai Luehrs-Kaiser