Intensitäten
Francis Poulencs vierzigminütiger Monolog «La voix humaine» ist eine Tour de force für eine Sopranistin. Auf der Szene dieser 1959 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten dritten und letzten Oper des großen französischen Lyrikers steht nur eine einzige Person, eine namenlose, «Elle» («Sie») genannte junge Frau. Ihr Geliebter hat sie verlassen. In einem beklemmenden, oft unterbrochenen Telefongespräch unternimmt sie einen letzten, verzweifelten, von vornherein vergeblichen Versuch, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
Wir hören in diesem Dialog mit dem abwesenden Partner allein ihre eigene Stimme; seine Äußerungen und sein Verhalten können wir nur an ihren Reaktionen ablesen. Am Ende bricht der Mann die Verbindung ab, und die Verschmähte lässt den Hörer fallen.
Poulenc hat Jean Cocteaus in der Alltagssprache verfassten Text mit höchster Sensibilität in seiner Musik nachgezeichnet. Er erfasst die psychische Labilität dieser zwischen Angst und Hoffnung, Euphorie und Selbstmord schwankenden Frau mit psychologischer Genauigkeit. Immer wieder bricht die mit Pausen, Fermaten und Rubati durchsetzte Musik ab, und doch ist das fragmentarische Geflecht der Partitur das Gegenteil einer ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Uwe Schweikert
Am Jahrestag der russischen Invasion in die Ukraine eine Oper, die vor dem Hintergrund der Eroberungsfeldzüge Ivans des Schrecklichen spielt: Georges Bizets «Ivan IV» aus der ersten Hälfte der 1860er-Jahre war ein lange Zeit glückloses Werk. Aufführungspläne scheiterten, der fünfte Akt blieb unfertig. Der bedeutende Bizet-Biograf Winton Dean stampfte das Libretto...
Eine verschleierte Frau auf die Bühne zu bringen, birgt gewisse Gefahren. Das Motiv ist derzeit stark konnotiert, der Vorwurf der Islamophobie liegt allzu nahe. Zwar lässt sich die «verhüllte» Königin der Nacht noch unter altägyptischem Mummenschanz verstecken, den es freimaurerisch zu entrümpeln gilt, auch Salomes sieben Schleier sind als erotisches Accessoire...
Nishni Nowgorod liegt am Zusammenfluss von Oka und Wolga. Im 19. Jahrhundert nannte man sie sogar «die dritte Hauptstadt Russlands». Vor kurzem feierte die Millionenmetropole ihr 800-jähriges Jubiläum, und aus diesem Anlass wurde vieles restauriert. Weniger freundlich behandelte man seitens der politischen Elite bislang die Oper. Nun jedoch hat der neue...
