Intensität durch Distanz

Köln: Berg: Wozzeck

«Wir arme Leut’», singt Wozzeck, als der Hauptmann ihm Moral predigt. Ein Erniedrigter und Beleidigter. Alban Berg hat in seiner Vertonung von Büchners Fragment Armut und Verelendung ins Zentrum gestellt. Die Versuchung drängt sich auf, entweder Elendskitsch oder ein heutiges Hartz-IV-Drama in prekärem Milieu zu zeigen.

Regisseur Ingo Kerkhof ist im Kölner Palladium diesen Versuchungen aus dem Weg gegangen und hat mit kühler Konsequenz auf Reduktion und Ausnüchterung gesetzt.

Gisbert Jäkel hat ihm dazu in der ehemaligen Industriehalle eine tiefe, im hinteren Bereich stets dunkle Bühne gebaut. Bläuliches Licht erhellt die karge Szene: zwei Brecht-Vorhänge, ein Festzelt für die Wirtshausszene. Sonst nichts als ein paar Requisiten, die herein- und herausgetragen werden. Jessica Karges Kostüme zitieren eine nicht näher definierte (ländliche) Vergangenheit.

Kerkhofs Regie baut auf die Kunst des Weglassens. Das Programmheft zeigt auf Probenfotos noch einen blutverschmierten Wozzeck. Die Premiere kommt ohne Theaterblut aus, selbst das Messer fehlt: Wozzeck schiebt lediglich die bloße Hand unter Maries Kleid und tötet sie damit. Kerkhof konzentriert sich auf Wozzecks Innenleben, ohne die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2011
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Regine Müller

Weitere Beiträge
Alte Schule

«Mein Herz ist launenhaft geworden, doch jetzt fühle ich mich sehr gut.» Da lag der Vorfall bereits einige Wochen zurück: Im Februar dieses Jahres war Riccardo Muti bei einer Probe mit seinem Chicago Symphony Orchestra zusammengebrochen. Die Diagnose: Herzrhythmusstörungen, Kieferbruch. Die Musikwelt reagierte auch deshalb geschockt, weil sie den Neapolitaner ganz...

Verwaltet, verfälscht, vereinnahmt

Karl Marx war kein Marxist und Richard Wagner kein Wagnerianer. Beiden ist noch zu Lebzeiten und erst recht nach ihrem Tod das widerfahren, was revolutionären Neuerern stets widerfährt: Aus ihrem Denken wurde ein System, aus ihrer Weltanschauung ein Glauben gezimmert. Wagner hat es geahnt. Jedenfalls überliefert Cosima in ihren Tagebüchern eine vier Wochen vor dem...

Der Krieg ist nicht vorbei

Das Ende des Trojanischen Krieges liegt schon einige Jahre zurück. Idomeneo, König von Kreta, hat längst abgedankt, Sohn Idamante hat die Geschäfte übernommen und mit Ilia einen hübschen Knaben gezeugt. Der glückliche Ausgang von Mozarts Musikdrama legt eine solche Fortsetzung nahe. Alles hat sich zum Besten entwickelt: Frieden zwischen den Völkern, Liebe unter den...