Im Sog der Assoziationen
Musikalisch ist es die berühmteste Szene aus «Lucio Silla»: Giunia steigt in die Katakomben hinab. Für dieses dritte Bild des ersten Aktes schrieb der 16-jährige Mozart eine Chromatik, die weit in die Zukunft vorausweist. Natürlich hört man das Vorbild Gluck. Doch selbst wenn man dessen «Alceste» mitdenkt, bleibt die Musik erstaunlich. Die dunkle Klangfärbung dieser Szene ist der Schlüssel zum ganzen Werk. Und auch dramaturgisch liegt hier der Dreh- und Angelpunkt.
In der Deutung von Jossi Wieler und Sergio Morabito trifft sich unter Tage eine Menschenmenge, die gegen das autoritäre Regime Lucio Sillas revoltieren will, sich aber noch nicht wirklich traut. Die grauen Anzüge der Männer und Frauen erinnern an die ehemalige DDR. Das gilt auch für den Raum, in dem sie sich bewegen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist eine Kopie des Elbschlösschens bei Dresden, das einst ein Stasi-Gefängnis war. Die hölzernen Wandverkleidungen, der Parkettboden, die leeren weißen Flächen – vieles lässt an die deutsche Vergangenheit denken.
Doch das ist nur ein Assoziationsstrang dieser grandiosen Aufführung. Wenn der Chor zu singen beginnt, rollt die Versammlung einen Teppich aus, und Giunia zeigt das Bild ...
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Die Unterzeile, die bei der jüngsten Mannheimer Opernproduktion dem Originaltitel «Fidelio» beigegeben war, ließ aufhorchen. Sie lautete: «Beethoven op. 72 (1814) bei der NBC New York (1944) Toscanini Reminiszenz 2004». Ein klar verklausuliertes Signal, dass hier keine herkömmliche Auseinandersetzung mit einer klassischen Vorlage geplant war.
Bei seiner ersten...
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