Im Reich der Camorra
«Utopie und Wahnsinn» lautet das Motto, unter das André Bücker seine erste Spielzeit als Intendant des Anhaltischen Theaters Dessau (nach der langen Ägide Johannes Felsensteins) gestellt hat – ein Motto, das den Kern von Theater, auch Musiktheater, durchaus treffend umschreibt. Dass Bücker für seine erste eigene Regie am Haus «Die Stumme von Portici» von Daniel François Esprit Auber wählt, wirkt da fast zwangsläufig. Denn kaum eine andere Oper dürfte so sehr von diesen beiden Begriffen geprägt sein wie dieses Stück.
Masaniello, ein Fischer in Neapel, ruft wegen der Schändung seiner stummen Schwester Fenella durch den Sohn des spanischen Vizekönigs die Fischer zum Aufstand auf und wird angesichts der Gewalt später wahnsinnig. «Die Stumme von Portici», die Auber gemeinsam mit dem Librettisten Eugène Scribe 1828 schuf, gilt als erste Grand Opéra. Das Genre war Ausdruck der Leidenschaft der bürgerlichen Schichten im nachnapoleonischen Paris, historische Ereignisse in bequemem zeitlichen Abstand auf der Bühne zu sehen, und geriet später nicht zuletzt wegen Richard Wagner in Verruf. 1830 aber war die Wirkung von Aubers Stück, vor allem des Duetts Masaniellos mit seinem Gefährten Pietro, ...
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