Musik der Besessenheit

Ganz dicht an Shakespeare und Verdi: Paul Daniel und Krzysztof Warlikowski gelingt in ­Brüssel ein grandioser «Macbeth»

Viel zu tun bleibt für Macduff nicht mehr. Eingesunken in seinen Rollstuhl, zitternd und am lebendigen Leib von Geschwüren zerfressen, ist sein Feind Macbeth schon am Ende, bevor der Sieger zum finalen Schlag ausholt. Nicht die Rebellen sind es, die den Usurpator in Krzysztof Warlikowskis Inszenierung an der Brüsseler Monnaie-Oper für seine Gewalttaten bestrafen – Macbeths eigenes Gewissen empört sich gegen den Geist und Körper, der Schottland mit Blut überzogen hat.

Zunächst, in a Bankettszene, schlägt es dem neuen König wie mit ­Eisenpranken ins Hirn, als er auf der Tafel die Tischkarte mit dem Namen des gerade ermordeten Banquo erblickt. Dann, in der großen Hexenszene, beginnen die Wahnbilder auch seine physische Existenz zu zerstören: Die Widergänger der ungeborenen Kinder, die als Hexen und geklonte Könige mehr durch Macbeths Alpträume als über die Highlands spuken, machen den kinderlosen König per Vodoozauber zum Wrack.

Beständig durchdringen sich an diesem Abend Wahn und äußere Realität, ja sind eigentlich kaum voneinander zu trennen: Das Abgleiten von Macbeth und seiner Lady in eine immer blutrünstigere Gewaltherrschaft ist bei dem polnischen Regisseur zugleich eine ...

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Opernwelt August 2010
Rubrik: Im Fokus, Seite 14
von Jörg Königsdorf

Vergriffen