Schwanengesänge, schwindelerregend

Krzysztof Warlikowski entfesselt in Brüssel aus Bergs «Lulu» einen Bildersturm des Unbewussten

Lulu, die Schlange, das süße Tier, die Urgestalt des Weibes, wie sie der Tierbändiger im Prolog von Bergs Oper nennt – ist dieses von jeglicher Ratio und sozialer Verantwortung befreite Wesen aus vier Buchstaben überhaupt ein Mensch? Oder ist sie eher eine literarische Konstruktion, ein abstraktes Symbol aller männlichen Ängste vor dem Unkontrollierbaren, kondensierte Tiefenpsychologie, dominiert vom Kastrationskomplex mit all seinen tragischen und komischen Seiten?

Krzysztof Warlikowski, der Regisseur von Bergs unvollendetem Vermächtnis am Brüsseler Opernhaus, hat sich sol

che Gedanken zusammen mit seinem Dramaturgen Christian Long­champ reichlich gemacht – so reichlich, dass diese «Lulu» bildmächtig wie selten, zuweilen auch überladen wirkt. Aber alle Verrätselungen und gedanklichen Verknotungen zerplatzen, wenn Barbara Hannigan in der Titelrolle die Bühne entert und sie in den kommenden vier Stunden (man spielt die dreiaktige Fassung in Friedrich Cerhas Rekonstruktion) zu ihrem ganz persönlichen Schlachtplatz macht. Denn diese Lulu verströmt keinen Charme, ja nicht einmal Erotik, obwohl sie meist mit perfektem Astralleib und wenig mehr als knappen Dessous auftritt. Hannigan/Lulu ...

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Opernwelt Dezember 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Michael Struck-Schloen