Verführung, Buße, Psychose

Klaus Kalchschmid über neue «Parsifal»-Deutungen in Erfurt, Frankfurt und Leipzig

Wer ist der Gral? Ein Stein, eine Schale, ein Kelch? Oder gar eine Frau, wie ­Peter Konwitschny 1995 in München meinte, mit Kundry als Madonna und Tauben im Rosenhag? Dies wird auch von «Sakrileg», dem derzeit vielleicht meistgelesenen Buch, kolportiert. Und schon 1190 legte der erste «Perceval»-Dichter Chrétien de Troyes diese Idee nahe, indem er einem Knaben den Speer, einem Mädchen den Gral in die Hand gibt.

Diesen Zusammenhang wiederum griff Hans-Jürgen Syberberg 1982 in seiner «Parsifal»-Verfilmung auf, wo er das schöne, feminine Jünglings-Double des Sängers tatsächlich in ein Mädchen verwandelt, als der tumbe Tor nach seinem Kuss «welthellsichtig» wird. Am Ende betreten beide gemeinsam die Gralsburg.
Für Roland Aeschlimann in Leipzig ist der Gral ein vielfach gebrochener, schwebender, sich drehender, funkelnder Stein und das Zentrum einer Spirale. Christof Nel nimmt ihn in Frankfurt als realistischen Silberkelch, mit dem ein ganz katholisches, peinlich ausinszeniertes Abendmahlsritual vollzogen wird. Und Guy Montavon ließ sich für Erfurt eine abstrahiert abgeplattete, durchsichtige Plexiglas-Skulptur bauen. Den Kern von Wagners vielschichtigem, schwer zu deutendem ...

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Opernwelt Juni 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Klaus Kalchschmid

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