Short Cuts

Szenisches Oratorium: Katie Mitchell findet an der Berliner Staatsoper zwingend-schlichte Bilder für «Le Vin herbé» von Frank Martin

Ein ausgebombtes Bühnenhaus. Das des Schiller Theaters vor 70 Jahren? In seinen Ruinen wollte Intendant Heinrich George «Ödipus» inszenieren, um sein Ensemble (u. a. Walter Felsenstein, Horst Caspar, Will Quadflieg) vor der Front zu bewahren. 1950 wurde es wieder aufgebaut. So lange das Stammhaus Unter den Linden saniert wird, ist nun die Berliner Staatsoper zu Gast. Katie Mitchell hatte eine andere Assoziation: Sie lässt Frank Martins zwischen 1938 und 1942 entstandenes Oratorium «Le Vin herbé» im Frankreich der Okkupation spielen.

Die britische Regisseurin hat mehr als eine Hommage an den Genius Loci im Sinn.

Wenn sich der Eiserne Vorhang hebt und der in Fetzen herabhängende Samtvorhang teilt, sehen wir zwölf schwarz gekleidete Männer und Frauen. Sie sind noch einmal davongekommen und stellen Teelichter an die Rampe. Es werde Licht. Mitchell beschwört den Urvorgang des Theaters: eine einfache, passgenaue Entsprechung für Martins homophon raunen­den Prolog, der in mythische Vergangenheit hinabsteigt, um die archetypische Tristan-Sage ewig-tragischer Liebe heraufzuholen. ­Dabei stützt er sich nicht wie Wagner auf das modern-raffinierte Epos Gottfrieds von Straßburg, sondern auf ...

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Opernwelt Juli 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Boris Kehrmann