Lichtschneisen in eine neue Zeit

Pelléas et Mélisande in Essen und Frankfurt. Der Kontrast könnte größer kaum sein

Die Musik kommt aus dem Nichts. Eine aufsteigende Quinte der tiefen Streicher, dann ein Ganzton. Sehr leise beides, sehr legato und très modéré. Die Bewegung wiederholt sich. Holzbläser treten dazu: synkopisch sanft angestoßene Akkorde, mehr kreisend als zielgerichtet. Abbruch. Von fern grollt die Pauke. Dann ein neuer Start, die gleichen Töne, nur heller, höher, konturierter. Das Ohr sieht etwas besser, dennoch bleibt der Klangraum dunkel. Und dann plötzlich dieses Weinen. Ein einzelner starrer Ton der Oboe, eine zarte Seufzergeste. Es ist das Erste, was wir von Mélisande hören.

Warum weint sie?

In Essen zieht uns ein blauer Portalschleier ins Geschehen. Er lichtet sich langsam – wie die Musik. Mélisande weint mit dem ganzen Körper, stark und stumm. Sie steckt in einem hellen, hochgeschlossenen, schuppenartigen Kleid. Eine Meerjungfrau könnte sie sein, die gerade schmerzvoll Mensch geworden ist. Sie ist groß und blond und scheu, ihre Sinnlichkeit unbewusst. «Fasst mich nicht an», sagt sie. Ein Stück Natur. Ein Trauma. Ein Rätsel.

In Frankfurt steht Mélisande in einem hellen Spotlight. Sie weint nicht, sondern fingert nach ­ihrem Feuerzeug. Sie braucht einen Joint. Sie steckt in ...

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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch