Im Diesseits
Nicht immer sagt das Äußere so viel über das Innere aus wie an diesem faszinierenden Opernabend. Um sich mit Immo Karamans Deutung von Bizets «Carmen» am Badischen Staatstheater auseinanderzusetzen, tut man gut daran, bei den Kostümen von Fabian Posca zu beginnen – bei Carmen und Micaëla. Sind es wirklich zwei Frauen? Oder ist die eine nur eine Projektion der anderen? Zum Vorspiel sieht man auf der Bühne eine winzige, billige Wohnung mit Schlafzimmer und Diele. Auf dem Bett liegt ein schlafender Mensch.
Ein Mann überschüttet alles mit Benzin und entfacht zu den Klängen des Schicksalsmotivs das Feuer. Don José tötet Carmen. Oder Micaëla?
Beide haben die gleiche Figur, nahezu identische Kleider. Ein Muster, das wiederum dem der Tapete gleicht. Wie Vexierbilder werden Carmen und Micaëla im Verlauf des Abends ineinander übergehen. Mit winzigen Unterschieden. Oft ist Carmens Kleid mit Pailletten besetzt; manchmal trägt sie auch schwarz. Zu ihrer Habanera zieht ihr jemand das Kleid aus, die Corsage darunter ist wie ein champagnerfarbener Panzer, ihre Haltung auf dem Bett lasziv, aggressiv, ordinär. Carmen ist jene Femme fatale, nach der Don José sich bei Micaëla sehnt. Zu dieser ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Alexander Dick
Claudio Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» ist inzwischen die wohl populärste, meistgespielte Barockoper. Das freche, respektlose Libretto verabschiedet die Sphäre des gestelzten Mythos und landet mit der Sex-and-Crime-Handlung aus dem alten Rom im menschlichen Alltag. Wie das «Dschungelcamp» heute zeigen uns schon Monteverdi und sein Librettist Giovanni...
Der Coup findet seine Fortsetzung: Vor 13 Monaten hatte das «Rheingold» in der Regie von Ewelina Marciniak an den Bühnen Bern Premiere. Damit begann der erste «Ring» überhaupt in Bern, damit begann auch die erste Musiktheaterarbeit der polnischen Regisseurin, die sich – erst in ihrer Heimat und dann auch in Deutschland – zu Recht den Ruf erworben hat, keinerlei...
Das ganze Drama ist im Grunde erzählt, noch bevor viele Worte gefallen sind. Der Schmerz, die Sehnsucht (welche nur diejenigen Menschenkinder wirklich kennen, die wissen, welches Leiden mit ihr einherzugehen vermag), der Dualismus aus Liebestäuschung und -ent täuschung, die tiefsitzende Verzweiflung, das einsickernde Gift der Rache – alles ist bereits im «Prelude»...
