Ich ist ein anderer
Selbst gewiefte Kenner der «Winterreise» dürften Schuberts Liedzyklus wohl noch nie so abgrundtief pessimistisch erlebt haben wie in der Neuaufnahme des französischen Tenors Cyrille Dubois. Am Ende seiner Tour d’horizon durch das eigene Ich erwartet den Protagonisten dieser «schauerlichen» Lieder, wie Schubert sie selbst bezeichnet haben soll, bei Dubois das blanke Nichts von Hoffnungslosigkeit und Leere – und das in einer musikalisch bestürzenden Vollkommenheit, ja, Schönheit, die einem das Herz abschnürt.
Von Dubois, der zu den herausragenden jüngeren französischen Sängern gehört, durfte man nach seinen Erfolgen in Barock- und Mozart-Opern, erst recht nach der Aufnahme von Gabriel Faurés komplettem Lied-Œuvre viel erwarten, allerdings kaum ein solch sensationelles Debüt im deutschen Liedrepertoire mit seiner schier endlosen Konkurrenz.
Dabei fordert fast alles an Dubois’ Gesang vom deutschen Hörer Gewöhnung – sein hoher, schlanker, leichter, fast vibratoloser Tenor ebenso wie sein hellherbes Stimmtimbre, seine oft bis zum Flüstern abgedimmte Dynamik ebenso wie sein dosierter, ganz zurückgenommener, gleichsam in sich hinein gesungener Ausdruck. Technische Probleme kennt er nicht, ...
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Opernwelt März 2024
Rubrik: Medien, Seite 25
von Uwe Schweikert
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