Ich ist ein anderer

CD des Monats: Abgrundtief pessimistisch: Cyrille Dubois deutet Schuberts «Winterreise» als einen Weg in die Depression

Opernwelt - Logo

Selbst gewiefte Kenner der «Winterreise» dürften Schuberts Liedzyklus wohl noch nie so abgrundtief pessimistisch erlebt haben wie in der Neuaufnahme des französischen Tenors Cyrille Dubois. Am Ende seiner Tour d’horizon durch das eigene Ich erwartet den Protagonisten dieser «schauerlichen» Lieder, wie Schubert sie selbst bezeichnet haben soll, bei Dubois das blanke Nichts von Hoffnungslosigkeit und Leere – und das in einer musikalisch bestürzenden Vollkommenheit, ja, Schönheit, die einem das Herz abschnürt.

Von Dubois, der zu den herausragenden jüngeren französischen Sängern gehört, durfte man nach seinen Erfolgen in Barock- und Mozart-Opern, erst recht nach der Aufnahme von Gabriel Faurés komplettem Lied-Œuvre viel erwarten, allerdings kaum ein solch sensationelles Debüt im deutschen Liedrepertoire mit seiner schier endlosen Konkurrenz.

Dabei fordert fast alles an Dubois’ Gesang vom deutschen Hörer Gewöhnung – sein hoher, schlanker, leichter, fast vibratoloser Tenor ebenso wie sein hellherbes Stimmtimbre, seine oft bis zum Flüstern abgedimmte Dynamik ebenso wie sein dosierter, ganz zurückgenommener, gleichsam in sich hinein gesungener Ausdruck. Technische Probleme kennt er nicht, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2024
Rubrik: Medien, Seite 25
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Der Zauber des Androgynen

Er war einer der größten Sänger des 20. Jahrhunderts und ist doch kaum bekannt – der 2016 verstorbene US-Amerikaner Russell Oberlin. 1959 nahm er ein Recital mit Händel-Arien auf, das zweifelsohne zu den Glanzlichtern des Barockgesangs gehört. Darunter befindet sich auch die Arie «Ombra cara di mia sposa», in der Radamisto den vermeintlichen Tod seiner Frau Zenobia...

Der Wille zur Macht

Es ist nicht leicht, ein Zar zu sein. Vor allem dann nicht, wenn das eigene Volk in einem ziemlich heruntergekommenen Betonschacht mit Kronleuchter lebt. Das mit nahezu identischen blonden Scheitelfrisuren ausgestattete Kollektiv, vom neuen Chordirektor des Nationaltheaters Mannheim, Alistair Lilley, hervorragend einstudiert, lässt sich leicht manipulieren und...

Revoulutionärrisch

Die Prinzessin von Trapezunt ist eine Puppe im Wachsfiguren -kabinett des Schaustellers Cabriolo. Beim Abstauben der Figuren bricht seine Tochter Zanetta der Prinzessin aus Versehen die Nase ab und schlüpft kurzentschlossen in deren Kleider. Die Menge strömt jedoch nicht zu den Gauklern, sondern zur Lotterie nebenan. Nur der junge Prinz Raphaël ist neugierig,...