Unter die Haut

Niemand hat die Stimmen des Körpers so ernst genommen wie er. Ein Menschenfreund, ein Menschenkenner, der jede Geste, jede Bewegung registrierte. Gnadenlos liebevoll, fanatisch genau. Patrice Chéreau entwarf keine Figuren, ihn interessierten Wesen aus Fleisch und Blut. Im Theater, auf der Opernbühne, im Film. Der «Jahrhundert-Ring», den er 1976, gerade 32 Jahre alt, auf Vorschlag von Pierre Boulez in Bayreuth inszenierte, prägte die Wagner-Rezeption. Meilensteine waren auch die anderen Projekte, die Chéreau mit Boulez in Bühnenbildern von Richard Peduzzi realisierte: Bergs «Lulu» in Paris (1979) und Janáceks «Aus einem Totenhaus» in Wien (2007). Abschied von einem getriebenen, weltweisen Jahrhundertkünstler, der das Staunen nie verlernte.

Kaum ist die «Elektra» für das Festival in Aix-en-Provence so weit, steht er schon mitten im «Wintermärchen», auch «Moses und Aron» für die Pariser Oper, im Sommer 2014, tauchen am Horizont auf. Da geschieht es. Er wird aus dem Leben gerissen. Aus unserer Mitte, wie man so sagt. Es gibt wohl kein stärkeres Plädoyer gegen die Endlichkeit allen menschlichen Tuns.

Alle wussten, dass Patrice Chéreau eine Krankheit zum Tode trug. Er machte kein Geheimnis daraus, sorgte aber all die Jahre entschieden dafür, keine falsche Sentimentalität aufkommen zu lassen.

Ein Regisseur, ein Schauspieler, mit Leib und Seele, so hat er weitergearbeitet. Plante Neues, peilte Projekte an, manchmal lagen große Intervalle dazwischen. Krisenhaftes, gar Untätigkeit waren nie der Grund dafür.

Geboren am 2. November 1944, begann Patrice Chéreau seine Theaterlaufbahn als ein Wunderkind von fünfzehn Jahren. Bereits als Schüler, am Pariser Elitegymnasium Louis-le-Grand, begann er zu inszenieren. Mit zweiundzwanzig leitete er sein erstes eigenes Theater im Pariser Vorort Sartrouville, fünf Jahre später wurde er Ko-Direktor des Théâtre National Populaire in Lyon. Zwischendurch studierte er Germanistik, 1975 drehte er ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2013 2013
Rubrik: Hommage, Seite 54
von Eleonore Büning