Unvollkommene Welten

Alberto Zedda dirigiert Rossinis «Semiramide» voller Weisheit, Marianna Pizzolato singt den ultimativen Arsace – leider nicht in derselben Aufnahme

«Semiramide» verkörpert die Matrix der Rossini’schen Belcanto-Oper reinsten Typs. Kein Wunder, dass der Vierstünder eine erstaunliche Renaissance erlebt. Das Bewusstsein, dass jede Einstudierung eine exzeptionelle Anstrengung ist, zog regelmäßig den Wunsch nach sich, sie zu verewigen: Die Diskografie ist lang. Nun setzen zwei Mitschnitte die Serie fort. Der der Genter Nigel-Lowe­ry-Inszenierung (OW 2/2011) wird von dem jede noch so winzige Einzelheit genießenden Alberto Zedda geleitet.

Der 83-Jährige wünscht sich überall, wo er eingeladen wird, die von ihm im Rahmen der Kritischen Rossini-Ausgabe mitherausgegebene «Semiramide». Dass er jedes Detail im Herzen trägt, hört man dem Mitschnitt der Aufführung vom 11. Januar 2011 an. Jeder Takt ist rhetorisch-gestisch aufgeladen, jede Klangfarbe spricht. Zedda hebt Nebenstimmen hervor. Ein Crescendo spielt Schicksal. Stupid gestichelte Alberti-Bässe zeigen, wie brüchig das Idyll der Hängenden Gärten mit seinen Palmwedel-Damen ist. Die Chöre dürfen expressionistische Schreie ausstoßen oder staccato singen, wenn sie zu Belcanto-Funktionären babylonischer Propaganda mutieren. Immer wieder beginnen Nummern zu «swingen», wenn Figuren den Boden ...

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Opernwelt November 2013 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 34
von Boris Kehrmann