Cross-dressing

Claudio Osele verkauft Hasses «Marc’Antonio e Cleopatra» unter Wert

Johann Adolf Hasses Serenata «Marc’Antonio e Cleopatra» gehört zu den Titeln, die jeder zitiert und keiner kennt. Keine Gender-, Kultur- oder Klatschgeschichte des Kastratentums lässt die Anekdote unerwähnt, dass bei der Uraufführung 1725 in Neapel Cleopatra von einem Mann, Marc Anton von einer Frau gesungen wurde. Man hatte, wie Chrysander schon Mitte des 19. Jahrhunderts in seiner Händel-Biografie mitteilte, in dem jungen Farinelli für Erstere den «besten Sopran aller Zeiten» und für Letzteren die gefeiertste Männerdarstellerin zur Verfügung.

Ob das wirklich «queer» gedacht war, wissen die Götter. Vielleicht war es bloß Ausdruck einer Zeit, die den Begriff «Realismus» noch nicht kannte. Andererseits bringt das 90-Minuten-Duodram traditionelle Geschlechts-Stereotypen wieder ins Spiel: Marc Anton (die Frau) ist ganz schmiegsame Liebe, Cleopatra (der Mann) ganz heroische Tapferkeit. Nebenbei wird der Ost-West-Konflikt im habsburgisch-eurozentrischen Sinne abgehakt. Und wie oft in der neapolitanischen Oper geht es um hoch neurotische Charaktere, die Lust und Frust nicht auseinanderhalten können, weswegen sie heute eine ähnliche ­Renaissance erleben wie Tschechow: Das sind ja wir!

Clau ...

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Opernwelt Februar 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 18
von Boris Kehrmann