Hirnkammerflimmern

Die «Tage der zeitgenössischen Musik» in Dresden-Hellerau glänzen mit der Uraufführung von Maria de Alvears «Colourful Penis»

Mit ihrer Ansicht über die wahren Antriebsgründe menschlicher Entscheidungen hält Maria de Alvear nicht hinterm Berg: Ist schon der Titel ihrer neuen Kammeroper «Colourful Penis» einigermaßen explizit, wird die Spanierin im Beiheft der Uraufführung bei den Dresdner Tagen für zeitgenössische Musik noch deutlicher: Die Sexualität, schreibt sie, sei der mehr oder weniger bewusste Anknüpfungspunkt zwischen der linearen Gedankenwelt und dem im Jetzt lebenden Körper – sprich: die Schaltstelle, die Empfindungen und Gefühle in Entschlüsse umwandelt.

Und um nichts anderes als solch einen Entschlussaugenblick geht es in Alvears knapp einstündiger «Opernereignisstudie»: Ein Soldat trifft im Wald auf eine Bärin und legt sein Gewehr an. Wird er das Tier erschießen? Eine Sekunden­entscheidung, die Alvear virtuos von der Vertikalen auf die horizontale Zeitachse eines musikdramatischen Handlungsverlaufs spiegelt: All die Ahnungen, Erinnerungen und erotischen Assoziationen, die in Wirklichkeit gleichzeitig auf verschiedenen Bewusstseinsebenen aktiviert werden, fügt sie als Episoden locker aneinander, lässt die wunderlichen Gestalten des Unterbewusstseins mal ganz konkret, mal nur schemenhaft ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wonnemond im Wüstenland

Sehen kann man noch nicht viel. Ja, irgendwo dort hinten in der mit Hitze vollgesogenen Luft und flirrendem Staubnebel beginnt die Brücke nach Saadiyat Island. Dort soll in den nächsten Jahren eine Insel des kulturellen Glücks wachsen. Die Brückenpfeiler stehen bereits; dahinter türmen sich Dutzende von Baukränen. Irgendwie schauert man bei diesem Blick von einem...

Gestischer Puls

Tommaso Traetta zieht. Schon seit geraumer Zeit. Vor zwei Jahren grub das Mannheimer Nationaltheater seine «Sofonisba» aus (siehe OW 4/2006). Vor neun Jahren stemmte das Festival in Martina Franca die zwischen Rameau und Mozart stehende Reform-Seria «Ippolito ed Aricia» und konservierte das Projekt auf CD (siehe OW 12/2000). 1997 ging Christophe Rousset mit den...

Editorial

Vor zehn Jahren haben wir die erste «Opernwelt»-CD produziert. Die Reihe, die seitdem entstanden ist, kann sich sehen und vor allem hören lassen – und sie folgt einer Grundidee. Alle diese CDs waren Sängerinnen oder Sängern gewidmet, die von der Plattenindustrie vernachlässigt wurden und wenig Chancen hatten, ihre Kunst und ihr Können für spätere Generationen zu...