«Hören ist wehrlos ohne Denken»

Anschreiben gegen die Erstarrung: Helmut Lachenmann zum Achtzigsten

Zwei Erhabenheitsbilder stehen für das angebliche Wesen der Musik: der mythische Sänger Orpheus und die Heilige Cäcilie, entrückt an der Orgel. Rein, veredelnd soll die wahre Tonkunst sein, alles Irdische, Materielle, Animalische transzendieren. Demgegenüber reagierte Schumann auf das Unisono-Finale der b-Moll-Sonate des von ihm bewunderten Chopin ratlos lapidar: «Musik ist das nicht.» Zwischen den Polen orphischer Idealität und deren Negation bewegt sich der Diskurs in je nach Epoche variablen Paradigmen.

Was aber ist das musikalisch Schöne? Ein Credo konventioneller Ästhetik lautet: Schlackenlosigkeit – nichts soll die seraphische Abgeklärtheit des Klangs trüben, die «schöne» Stimme, den «süßen» Ton von Geige oder Flöte, den Glamour-Sound der Superorchester, das HiFi-Ideal. Und der Klassik-Kanon soll die entsprechende Basis für deren Präsentation liefern. Doch schon bei Klavier-Pedal, Orgelstimmung, Streicher-Vibrato und -Portamento gibt es Dissens. Das Ideal war schon immer brüchig.

In einem Punkt allerdings waren sich die beiden prominentesten deutschen Komponisten der Nachkriegszeit, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze, bei allen Gegensätzen halbwegs einig: im Vertrauen ...

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Opernwelt November 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Gerhard R. Koch